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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Glosse Feuilleton Sprache vom Amt?

 ·  Hermann Lübbe hat die These vertreten, daß wir von der sprachreinigenden Bewegung der "politischen Korrektheit" weitere Vorstöße erwarten müssen. Seine Deutung des Phänomens läßt allerdings viele Fragen offen.

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Hermann Lübbe hat die These vertreten, daß wir von der sprachreinigenden Bewegung der "politischen Korrektheit" weitere Vorstöße erwarten müssen. Seine Deutung des Phänomens läßt allerdings viele Fragen offen. Denn Lübbes Modell ist die ökologische Bewegung und der hier fast naturnotwendige Konflikt von Experten- und Laienwissen, der sich in modernen Gesellschaften eher verschärfen werde. Deshalb, so Lübbe, stießen rationale Überlegungen etwa zu den Windrädern oder Vorschläge, der Dritten Welt in puncto Regenwald nicht nur moralische Vorhaltungen, sondern auch wirtschaftlich attraktive Angebote zu machen, künftig wohl auf immer mehr Widerstand. Aber Ökologie ist für die Sprachreiniger eher ein Nebenschauplatz. Eigentlich geht es ihnen um den Multikulturalismus. Der Deutsche Journalisten-Verband in Nordrhein-Westfalen plant eine "Sprachfibel gegen Rassismus". "Ungewollte Diskriminierung und vor allem negativ belastete Vokabeln" sollen künftig gemieden werden. Die Mitglieder sind aufgerufen, einen Fragebogen auszufüllen: "Ich bin auf folgendes Stich-, Schlag- und Reizwort gestoßen: ...Aus folgenden Gründen empfinde ich es als diskriminierend: ...Ich schlage folgenden Sprachgebrauch vor: ..." Nur mit dem Rücklauf der Fragebögen hapert es noch, wie uns der freundliche Herr Döring vom Verband mitteilt. Aber man erfreue sich allerhöchsten Wohlwollens. Der brandenburgische Innenminister Schönbohm sei für eine "ideelle und möglicherweise auch finanzielle Unterstützung des Projekts" gewonnen worden, Thomas Kemper, Staatssekretär für Medien und Regierungssprecher von Nordrhein-Westfalen, habe dem Projekt gleichfalls seine Unterstützung zugesagt. Der nordrhein-westfälischen Landeszentrale für Politische Bildung werde der Vertrieb der Sprachfibel obliegen - diese Institutution wußte aber gestern mittag noch gar nichts von ihrem Glück. Und aus dem brandenburgischen Innenministerium konnten wir erfahren, daß es auch mit der angeblichen Förderung durch Jörg Schönbohm nicht weit her ist - weder der Innenminister noch der Landespräventionsrat haben eine irgendwie geartete Beziehung zu dem Projekt. Staatssekretär Kemper wiederum erklärte gegenüber dieser Zeitung, für das Anliegen des Verbandes durchaus Sympathie zu empfinden, ein praktisches und vor allem finanzielles Engagement der Landesregierung folge daraus aber nicht. Leider ist das Ganze dennoch kein Aprilscherz. Gewerkschaften, Interessenverbände und das in die "wissenschaftliche Begleitung" eingebundene private Duisburger Institut "Diss", ein Think-Tank von linksaußen, mögen tun und lassen, was sie wollen - kritisch wäre es erst geworden, wenn tatsächlich Regierungsstellen an der Sprachfibel beteiligt gewesen wären. So bleibt für die Sprachreiniger aus NRW nur der eine Rat: die eigene Sprache verbessern, vor allem den Mund nicht zu voll nehmen. L.J.

Quelle: F.A.Z., 01.04.2006, Nr. 78 / Seite 35
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