11.05.2006 · Zu den verblaßten Mythen gehört auch die Frontstellung Geist gegen Kapital. Kein Geist könnte mit einem gewissen Echo gegen das Kapital wettern, wenn er selbst nicht in irgendeiner Weise kapitalgestützt wäre.
Zu den verblaßten Mythen gehört auch die Frontstellung Geist gegen Kapital. Kein Geist könnte mit einem gewissen Echo gegen das Kapital wettern, wenn er selbst nicht in irgendeiner Weise kapitalgestützt wäre. Deshalb vertreibt die Modeindustrie Klamotten für jede Jahreszeit und für jeden Geschmack. Es gibt buchstäblich keinen nackten Standpunkt in dieser Welt. Das sollte sich hinter die Ohren schreiben, wer "die Wirtschaft" als Argument für oder gegen irgend etwas aufbietet. Alfred Grosser hat neulich darauf aufmerksam gemacht, daß die Franzosen mit dem Makrosubjekt "l'economie" als Argumentationsfigur überhaupt nichts anfangen können. Setzt diese Argumentationsfigur doch einen wirtschaftsfreien Raum als Gegenpol voraus. Nun ist aber ein solcher wirtschaftsfreier Raum tatsächlich nirgends zu finden. Keine noch so wirtschaftsferne Idee, um die sich nicht sogleich ein Wirtschaftszweig legen würde, um sie zu bewirtschaften. Deshalb sind Argumente, die mit "der Wirtschaft" kommen, im strengen Sinne immer Nullargumente. Sie taugen weder für noch gegen irgendwelche Formen der Kulturkritik. Läßt sich doch für jedes Argument aus der Wirtschaft ein Gegenargument aus der Wirtschaft aufbieten. Siehe das Beispiel Schuluniform. Die Schuluniform wird derzeit ins politische Gespräch gebracht unter anderem mit dem Argument, sich dem Markenterror zu entziehen, den die Klamottenindustrie in den Schulen ausübt. Die Sache ist als kulturkritisches Experiment wirklich reizvoll. Denn hier wird gegen einen strukturellen Zwang, der zweifellos vorhanden ist, nicht ein privates, den einzelnen letztlich überforderndes Aussteigertum gesetzt - sondern ein Aussteigertum, das selbst wieder von einem eigenen Wirtschaftszweig getragen ist, also ein strukturelles Aussteigertum ist. Schließlich müssen Schuluniformen von irgendjemandem geschneidert werden, so daß die eine Wirtschaft (die, die die Uniformen schneidert) auf ihre Kosten kommt, während sie der anderen Wirtschaft (derjenigen, die die Markenklamotten schneidert) die Preise verdirbt. Womöglich wäre es im Falle einer flächendeckenden Einführung von Schuluniformen sogar so, daß in zahlreichen Unternehmen die Konkurrenz im eigenen Haus entstünde. Auch bei der Schuluniform steht also nicht Geist gegen Kapital, sondern Kapital gegen Kapital. In die Schuluniform kann sich jedes Kind hüllen, wes Geistes Kind es auch sei. Das ist das Geistreiche an ihr: Sie muß einfach nur passen. Und würden mit der Schuluniform nicht auch den Lehrern die Kordhosen ausgezogen? gey