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Glosse Feuilleton Selbst schuld

14.04.2011 ·  Übersteigt die Staatsverschuldung unsere Vorstellungskraft? Nicht, wenn man sie auf den Bürger umwälzt. Der Mannheimer Germanist Jochen Hörisch ist mit gutem Beispiel vorangegangen.

Von Jürgen Kaube
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Zwei Billionen Euro Staatsverschuldung. Oft heißt es, dass so eine Zahl - die vielen Nullen! - jede Vorstellungskraft übersteigt. Aber das stimmt ja gar nicht. Umgerechnet heißt es doch bloß: Zehn Monate lang arbeite die Gesellschaft nur für ihren Staat, dann wäre der schuldenfrei. Oder sagen wir zwanzig Monate, denn man muss ja zwischendurch auch von etwas leben. Oder: Jeder Bürger - allerdings auch der zahnlose und der Insasse - überweist 25.000 Euro, und alles ist sofort getilgt.

Gehen täte das, jetzt mal rein hypothetisch, wenn die einen für die anderen einsprängen und wenn man annimmt, dass die Verflüssigung des Vermögens an den Preisen nichts ändert: Das durchschnittliche Vermögen der Deutschen liegt bei 150.000 Euro, das gesamte Geldvermögen soll sich auf etwa 4,9 Billionen Euro belaufen. Schon die Spar-, Sicht- und Termineinlagen machten zuletzt knapp zwei Billionen aus. Wer spart, ist mithin eigentlich unsolidarisch.

Vierzig Jahre ohne Feiertage?

Der Mannheimer Germanist Jochen Hörisch sah das genau so und hat unter der Überschrift "Hurra, wir tilgen" kürzlich ein Fünftel seiner überschaubaren liquiden Mittel dem Staat als Bürgeropfer überwiesen, um allen anderen durch das gute Beispiel voranzugehen (www.hurrawirtilgen.de). Hat dafür auch ein freundliches Schreiben aus dem Finanzministerium bekommen, das allerdings Wert auf die Feststellung legte, eine Vermögensteuer sei nicht geplant. Und musste sich auch sofort von Volkswirten seiner Universität anhören, dass so ein Verhalten die Staatsschulden nicht senke, sondern erhöhe, weil es den Staat nur dazu anreize, noch mehr Schulden zu machen.

Also vielleicht anders: Eine Schuldenbremse wird verordnet, und alle Wäschetrockner, Autos und Einbauschränke werden an Chinesen verkauft - es wird ja auch mal zwei Jahre lang auf der Leine, mit dem ÖPNV und mit Obstkisten gehen -, denn die langlebigen Gebrauchsgüter, die in den Wohnungen herumstehen, sind etwa eine Billion Euro wert. Pro Haushalt kommen da 23.600 Euro zusammen. Wir könnten aber auch ungefähr zehn Jahre lang zwei Monate länger arbeiten, jeden zweiten Sonntag etwa oder vierzig Jahre lang ohne Feiertage. Oder wir machen mal eine Zeitlang so richtig in Inflation, das wirkt auch, und wir haben es lange nicht mehr gehabt. Es gibt, mit anderen Worten, viele sehr anschauliche Möglichkeiten, einfach mit dem Staatskonsum so weiterzumachen wie bisher.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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