Home
http://www.faz.net/-gqz-rfrg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Feuilleton Rußlands Blick auf Merkel Lilienweiße Hände im dreckigen Spiel

 ·  Daß auch das patriarchalische Rußland regelrechte Superfrauen hervorbrachte, wußte schon im späten neunzehnten Jahrhundert der sozialkritische Poet Nikolai Nekrassow. Gewisse russische Frauen seien imstande, ein Pferd im Galopp anzuhalten, ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Daß auch das patriarchalische Rußland regelrechte Superfrauen hervorbrachte, wußte schon im späten neunzehnten Jahrhundert der sozialkritische Poet Nikolai Nekrassow. Gewisse russische Frauen seien imstande, ein Pferd im Galopp anzuhalten, und sie beträten furchtlos eine brennende Hütte, lauten Nekrassows geflügelte Verse aus dem Gedicht "Frost, rote Nase", die russische Kommentatoren zum Thema gern zitieren. Als Jewgeni Jassin, Leiter der Moskauer Wirtschaftshochschule und einstiger Wirtschaftsminister, jetzt gefragt wurde, ob eine Frau den russischen Staat leiten könne - wie Angela Merkel es jetzt in Deutschland versucht -, bejahte er spontan und berief sich auf Nekrassow. Nur leider sei in Rußland eine Zeit gesichtsloser Politiker angebrochen, fügte Jassin hinzu, weshalb er sich auch unter den Politikerinnen für niemanden begeistern könne. Dem Wirtschaftsfachmann sekundiert Wladimir Ressin von der Moskauer Stadtregierung. Er habe in seiner Jugend noch die Kulturministerin Jekaterina Furzewa erlebt, erinnert sich Ressin, außerdem besitze die russische Geschichte Figuren wie Katharina die Große und Zarin Elisaweta Petrowna. Jetzt freilich, so findet der Politiker, suche man Frauen von ähnlichem Kaliber vergeblich. Möglicherweise verhindern aber doch vergleichsweise archaische Vorstellungen über die Geschlechterrollen in Rußland bis auf weiteres ein deutsches Szenario. Kompetente Frauen kenne er genug, meint Filmregisseur Juri Gutsman, doch in den Herzen russischer Männer glühe noch der Chauvinismus. Auch der Gouverneur des sibirischen Landkreises Krasnojarsk, Chloponin, hält seine Heimat für noch allzu patriarchalisch und im Verhältnis zu Deutschland für rückständig in Quotenfragen. Die überwältigende Mehrheit russischer Männer sei gegenwärtig nicht bereit, sich einer Vorgesetzten unterzuordnen, subsumiert auch Föderationsratsmitglied Wassili Duma seine Beobachtungen von Bekannten und Kollegen. Nationalkonservative Politiker argumentieren gern, Rußland sei zu groß, seine politische Maschine zu grobschlächtig, als daß die lilienweißen Hände einer Frau mit ihr zurechtkommen könnten. Für seine Heimat ideal seien Herrscher wie Peter der Große oder Iwan der Schreckliche, denen nun mal keine Frau das Wasser reichen könne, predigt Igor Lebedew, Fraktionsvorsitzender der Pseudoprotestpartei LDPR. Lebedew hat seinem Volk aufs Maul geschaut. Feministisches Denken findet man vor allem bei den Kommunisten. Eine Politikerin setze sich mehr für die Zukunft ihrer Kinder ein als ein Mann, dem es vor allem um die Macht gehe, glaubt der Moskauer KP-Chef Alexander Kuwajew. Auch der Anführer der kommunistischen Splittergruppe "Werktätiges Rußland", Anpilow, bescheinigt weiblichen Politikern mehr Gerechtigkeit und Güte. Der Leiter der staatlichen Kulturagentur, Schwydkoi, vermutet, daß es heute zwar keine Katharina die Große gebe. Doch eine russische Angela Merkel müsse mit Sicherheit zu finden sein. KERSTIN HOLM

Quelle: F.A.Z., 07.12.2005, Nr. 285 / Seite 44
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6