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Glosse Feuilleton Rückkehr der Spinner

01.05.2005 ·  Frühe Arbeit liegt ihr nicht mehr: Die Leipziger Baumwollspinnerei öffnet nicht vor elf Uhr. Das war einmal ganz anders. Als das Werk 1885 die Produktion aufnahm, um dem englischen Garnmonopol deutsche Konkurrenz entgegenzusetzen, wurde hier vierzehn Stunden täglich geschuftet.

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Frühe Arbeit liegt ihr nicht mehr: Die Leipziger Baumwollspinnerei öffnet nicht vor elf Uhr. Das war einmal ganz anders. Als das Werk 1885 die Produktion aufnahm, um dem englischen Garnmonopol deutsche Konkurrenz entgegenzusetzen, wurde hier vierzehn Stunden täglich geschuftet. Binnen einem Vierteljahrhundert entwickelte sich der Betrieb zum größten seiner Branche in Europa, und noch am Ende der DDR arbeiteten im VEB Leipziger Baumwollspinnerei viertausend Menschen. Dann wurde abgewickelt. Doch nun soll die Spinnerei wieder zum Branchenprimus werden, wenn auch in einem anderen Metier: Am vergangenen Wochenende stellten die hier neu angesiedelten Galeristen ihre frischbezogenen Räumlichkeiten vor, darunter der Tausendsassa Judy Lybke, der in den letzten Jahren nahezu im Alleingang die junge Leipziger Malerei zum internationalen Verkaufserfolg geführt hat. Und dementsprechend sieht es an diesen beiden Tagen in der Stadt auch aus. Man muß nur den Automobilen aus München, Paris, Wien, Amsterdam oder Berlin nachfahren, um den Weg an die Peripherie zu finden, wo sich das neue Zentrum des Kunsthandels etablieren will. Zu Tausenden wälzen sich die Neugierigen über das Kopfsteinpflaster, und auf Zehntausende sind etliche angebotene Werke taxiert - heute gehört uns Leipzig und morgen die ganze Welt. Immerhin kommt man ihr schon mal entgegen: Lybkes Galerie und in deren Gefolge vier weitere namhafte Kollegen sind aus dem Umfeld der Hochschule für Graphik und Buchkunst in das alte Industrieareal im Westen der Stadt gezogen. Die Nähe zur Wiege der Leipziger Schule ist bedeutungslos geworden, seit Kunstkopfjäger ihre Scheckbuchsafaris durch die Malklassen veranstalten, um die Studenten schon nach dem Vordiplom an sich zu binden. Herkunft zählt, und die Zahl von indigenen Künstlern ist naturgemäß beschränkt. Deshalb wird jetzt in den Galerien einfach versichert, daß das jeweils vielversprechende Talent gerade von wahlweise Halle, Berlin, Düsseldorf oder Hamburg nach Leipzig gewechselt sei. In der Spinnerei ist aber noch viel Platz für Ateliers, denn bislang haben sich dort nur fünfzig Künstler angesiedelt, angeführt von Neo Rauch, dem Leipziger Superstar. Dessen Ruhm soll nun auf die benachbarten Epigonen ebenso abfärben wie auf den Gitarrenbauer Philipp Neumann, der sich am äußersten Rand des Spinnereigeländes, in Haus 10, eingerichtet hat, zwischen einem jungen Fotografen, der mit engelsgleicher Geduld auf der Suche nach dem richtigen Moment für seine Aufnahmen durch die Straßen zieht, und einer Porzellankünstlerin. Hierhin verirren sich kaum Besucher. Sie besichtigen lieber das, was die "Art"-Hefte unter ihren Armen als lohnendes Investment ausgewiesen haben. Das Kapital schwärmt wieder einmal, und wie zum Hohn landet es jetzt in einem Betrieb, für den es vor fünfzehn Jahren kein Interesse mehr gab. In Haus 20 ist eine kleine Ausstellung in den hintersten Gebäudewinkel gepreßt, die an die industrielle Vergangenheit des Geländes erinnert. Hier drücken sich fast verschämt ein paar alte Spinnerinnen herum und suchen nach der verlorenen Zeit und Gesprächspartnern. Immerhin, das meistverkaufte Bild des Wochenendes ist hier zu haben: die Reproduktion einer Ansicht von der Baumwollspinnerei aus der Vogelperspektive, gezeichnet 1909, Kostenpunkt fünf Euro. apl

Quelle: F.A.Z., 02.05.2005, Nr. 101 / Seite 35
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