17.02.2008 · Nicolas Sarkozy hat eine neue Etappe in der noch jungen Geschichte des Erinnerns angekündigt. Doch der Taumel des Bewältigens ist unter seinem Regiment noch stärker geworden.
Von Jürg AltweggMerci, Carla! Das war spontan die erste Reaktion auf den neuesten Streich von Sarkozy. Seine Gattin hatte gerade ihr erstes Interview im neuen Zivilstand gegeben und musste sich auch schon entschuldigen, weil sie dem „Nouvel Observateur“ Methoden wie unter Vichy unter der deutschen Besatzung vorgeworfen hatte. Nicht nur die französischen Juden empörten sich über die exhibitionistische Sängerin, die sich als Opfer einer gewiss nicht sehr eleganten Indiskretion umgehend zur potentiellen Deportierten - und sei es des Medientotalitarismus - hochstilisiert.
Umgehend war der Gatte um Schadensbegrenzung bemüht. Nicolas Sarkozy, den die französischen Juden in ihrer großen Mehrheit gewählt hatten, kündigte eine neue Etappe in der noch jungen Geschichte des Erinnerns an. Vom nächsten Schuljahr an sollen Kinder im Alter von zehn und elf Jahren in ihren Klassen den Lebensweg eines der 11.000 Kinder, die in Frankreich der Schoah zum Opfer fielen, verfolgen und sich intensiv mit einer einzelnen Biographie auseinandersetzen. Wann kommen die Muslime und die Schwarzen und fordern die gleiche Aufmerksamkeit ein, war die schon etwas weniger ironische zweite Reaktion. Die Konkurrenz der Opfer und der Minderheiten gehört zu den unschönen Nebenaspekten des Erinnerns.
Die Zweifel bleiben
Sarkozy wollte mit seinem Sieg die Epoche der Selbstzweifel überwinden und den Taumel des Bewältigens beenden. Hat er gesagt. Aber das Gegenteil getan. Und sich wieder anders besonnen. Im Herbst erklärte er den Abschiedsbrief eines jungen Résistance-Märtyrers, der die Deutschen nur bekämpfte, weil sie die Sowjetunion überfielen, zur Pflichtlektüre in den Schulen. Auch der neue Schnellschuss ging hinten hinaus. Ohne jede Absprache mit den Lehrern, den Historikern, den jüdischen Organisationen hat Sarkozy seine Initiative lanciert. Nur Serge Klarsfeld ist dafür. Er hat die Listen mit den Namen der deportierten Juden erstellt und beim Aufbau des eindrücklichen Mahnmals für die Kinder von Izieu eine zentrale Rolle gespielt. Sein Sohn Arno, übrigens auch ein Ex-Freund von Carla, gehört zum Beraterstab des Präsidenten.
Psychologen befürchten, dass zehnjährige Kinder geschockt sein könnten. Andere kritisieren die Personifizierung des Erinnerns. Selbst der Schulminister räumt ein, dass er Alain Renais' Film „Nacht und Nebel“ als Dreizehnjähriger gesehen, aber kaum etwas verstanden habe. Ein Sprecher der Juden stellt lakonisch fest: „Was bleibt Sarkozy nach Juppé und Jospin, nach Mitterrand und Chiracs Anerkennung der Schuld Franreichs? Nichts.“