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Glosse Feuilleton Orte sind nur Worte

13.12.2005 ·  Deutsche Radio- und Fernsehreporter melden sich seit einiger Zeit nicht mehr aus Fußballstadien, sondern vorzugsweise aus "Arenen". Ein Grund dafür liegt auf der Hand. Arena klingt nicht nur viel dramatischer, Ben-Hur-haft und irgendwie existentiell.

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Deutsche Radio- und Fernsehreporter melden sich seit einiger Zeit nicht mehr aus Fußballstadien, sondern vorzugsweise aus "Arenen". Ein Grund dafür liegt auf der Hand. Arena klingt nicht nur viel dramatischer, Ben-Hur-haft und irgendwie existentiell. Arena soll vergessen machen. Denn früher hießen die meisten Stadien nicht bloß Stadion, sondern auch nach der Alm, dem Volkspark, nach Niedersachsen, dem Wald - mit einem Wort: nach der räumlichen Umgebung. Weil man das aber geändert hat und viele Bundesliga-Spielstätten heute nach der kommerziellen Umgebung heißen, wurde dem Fußballfreund der Übergang vom alten zum neuen Namen durch die Substitution von "Stadion" durch "Arena" erleichtert: Schüco-Arena, Aol-Arena, AWD-Arena, Veltins-Arena, Commerzbank Arena und so weiter. Ausnahmen wie das Gottlieb-Daimler-Stadion und der Signal Iduna Park bestätigen die Regel, indem sie ihr zur Hälfte folgen. Wer denkt noch an den Neckar oder kommt angesichts der Frage, ob Signal Iduna Zahnpasta herstellt, noch zu sentimentalen Erinnerungen? Wenn dann erst einmal die heutigen Sponsorenverträge mit den überlokalen Namensgebern ausgelaufen und durch andere ersetzt worden sind, wird sich das Gedächtnis ohnehin frei machen vom Gefühl, der Fußball sei eine ortsverbundene Angelegenheit. Leicht vorzustellen darum auch, daß es dereinst in Leipzig eine Dresdner-Bank-Arena geben wird, in Gladbach einen Aachener-Münchner Park und in Schwäbisch Gmünd ein Schwäbisch-Hall-Stadion. Wenn's der Transfersummenzahlung dient. Daß Namen Schall und Rauch sind, weiß doch jeder, also kann man Traditionsnamen ja problemlos in letzteren aufgehen lassen. Nur, daß man vielleicht das Begleitgerede von den "Wallfahrtsorten" und den "Fußballtempeln" sein lassen sollte, solange nicht St. de Compostela in Commerzbank-Grab und der Parthenon in Schüco-Halle umbenannt worden sind. Wichtiger, als die religiöse Verbrämung des Geschäfts zu betreiben, wäre es, den vollendeten Nominalismus, also die Umbenennung der Dinge nach Verkehrsbedürfnissen, auch auf die eigentlichen Werbeträger auszudehnen. Die Vereine sollten darüber nachdenken, ob sie es sich wirklich leisten können, die hierin liegende Vermarktungschance länger zu ignorieren. Denn wie oft sagt der Reporter während eines Spiels schon "Schüco-Arena"? Doch wie viele Dutzend Male sagt er dagegen "Schweinsteiger" oder "Klose"? Kann man aber im Laden ein Sixpack Schweinsteiger oder eine Dose Klose kaufen? Na, bitte, warum heißen die Burschen dann nicht längst Bastian Erdinger und Miro Becks? Zico hieß ja auch nicht Zico und Deco heißt nicht Deco. Warum also nicht ein deutscher Schüco, Schuco oder Schako? Die alten Namen sind doch völlig unökonomisch, das ist doch immer noch die alte Mißwirtschaft aus der faulen Glück-auf-Epoche, der abgelebten Waldstadionära, der - nicht gedacht soll ihrer werden - ineffizienten Westfalenzeit. kau.

Quelle: F.A.Z., 14.12.2005, Nr. 291 / Seite 38
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Von Christian Geyer

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