01.09.2006 · Was war das Skandalöse an Hermann Schäfers Rede beim Festkonzert "Gedächtnis Buchenwald"? Hat er sich etwa als Anti-Aly exponiert? Der Historiker Götz Aly schildert in seinem Bestseller "Hitlers Volksstaat" den Holocaust als gigantische ...
Was war das Skandalöse an Hermann Schäfers Rede beim Festkonzert "Gedächtnis Buchenwald"? Hat er sich etwa als Anti-Aly exponiert? Der Historiker Götz Aly schildert in seinem Bestseller "Hitlers Volksstaat" den Holocaust als gigantische Bereicherungsaktion der Deutschen und vor allem der kleinen Leute. In der "Zeit" lesen wir nun: "Statt der Häftlinge zu gedenken, die den Deutschen zum Opfer fielen, verweilte Schäfer vornehmlich bei den Opfern, die Deutsche während des Krieges und in der Nachkriegszeit brachten." Wollte der Amtsleiter beim Bundeskulturbeauftragten die Darstellung Alys widerlegen, die Entrechtung der Juden sei ein Volkssport gewesen wie heute der Krankenversicherungsbetrug? Beklagte er, daß der Krieg die Deutschen teuer zu stehen gekommen ist? Schäfer sprach über die Vertriebenen als "Opfer" - im einfachen moralischen und rechtlichen Sinn der Alltagssprache. Sie wurden Opfer von Gewalt, waren Leidtragende einer völkerrechtswidrigen Handlung. Das Saldieren ist die Sache des "Zeit"-Autors. Er verschiebt den Opferbegriff in den Bereich religiös-mythischer Gerechtigkeit und versteht ihn im Sinne von Opfergabe. Nun mag man es für einen gerechten Spruch des Weltgerichts halten, daß Ostdeutschland heute nicht mehr östlich der Oder liegt, weil Deutschland den Krieg von 1939 begonnen hat. Aber in der "Zeit" steht etwas anderes. Zu verhungern, zu erfrieren, zu ertrinken, vergewaltigt und totgeschlagen zu werden - das waren Opfer, die Deutsche brachten, ohne dadurch zu Opfern zu werden. Erst der Verlust des Opferstatus macht das Opfer perfekt. Der Verfasser wirft Schäfer eine "Vertauschung der Rollen von Tätern und Opfern" und beklagt einen "Wunsch" der Deutschen, "sich ihrerseits als Verfolgte und Opfer der Geschichte darzustellen". Einen fatalen Stimmungswandel markiere "die dramatisierte Erinnerung an die deutschen Kriegsopfer" in der Gustloff-Novelle von Günter Grass und in Jörg Friedrichs Atlas der verbrannten deutschen Städte. Die Überschrift des Kommentars faßt zusammen: "Die Täter wollen Opfer werden". Während also die Vertriebenen keine Opfer ethnischer Säuberungen gewesen sein sollen und sich damit begnügen müssen, unter den deutschen Kriegsopfern mitgemeint zu sein, werden die Nachgeborenen und die Eingebürgerten als Täter geführt. Jüngst hatte "kritische" Geschichtswissenschaft noch beweisen wollen, daß der Kollektivschuldvorwurf eine apologetische Erfindung der Nachkriegszeit sei, jetzt hat das Hausblatt des Liberalismus die linksradikale Parole vom Tätervolk übernommen. Wie weiland die Volksgeschichte der Conzes und Schieders warnt die "Zeit" vor der Überschätzung des Staates: "Es ist die Gesellschaft, in der es gärt und fault." Aus dieser antinazistischen Biologie des Volkskörpers hört man eine Verachtung des Kleinbürgertums heraus, die auch Aly kultiviert. Wird in der Zeitung der Gräfin Dönhoff demnächst ein Leitartikel "Nie wieder Deutschland" stehen? In den Kreisen des Widerstandes gab mancher die Deutschen schon vor 1945 verloren. Vor der Hefe des Volkes durfte sich ekeln, wer wirklich ein Opfer gebracht hatte. pba.