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Glosse Feuilleton Operavision

11.10.2007 ·  Visionäre sind heutzutage nicht mehr überall gern gesehen. Zum Glück gibt es noch Visionärsschutzgebiete, von denen sich einige recht vorhersehbar in Amerika befinden, das ja meint, die Vision sozusagen erfunden zu haben.

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Visionäre sind heutzutage nicht mehr überall gern gesehen. Zum Glück gibt es noch Visionärsschutzgebiete, von denen sich einige recht vorhersehbar in Amerika befinden, das ja meint, die Vision sozusagen erfunden zu haben. Wer in San Francisco zum Beispiel am Broadway, Ecke Fillmore Street steht, wird daran keinen Augenblick zweifeln. Die Stadtplaner, die auch über die Steilhänge unerbittlich ihr Straßenraster legten, müssen entweder verrückt oder visionär gewesen sein. Wahrscheinlich waren sie beides, denn anders ist der verführerische Reiz der Stadt gar nicht zu erklären. Wenn die Vision sich nun auch im kaum revisionistischen Neorenaissancepalast des War Memorial Opera House eingenistet hat, ist das einmal auf David Gockley zurückzuführen, den neuen Intendanten, der es wagte, seine erste Premiere, den "Tannhäuser", dem Regisseur Graham Vick und dem Bühnenausstatter Paul Brown anzuvertrauen. Sie enthüllten ein komplexes tiefenpsychologisches Gedankenkonstrukt, das sich leider nicht immer in bezwingenden Bildern fortsetzt. Mit der Vision aber ist es deswegen nicht vorbei. Auf dem obersten Rang des Riesenauditoriums wird "Operavision" angeboten. Nicht länger braucht das Publikum die weit entlegene Bühne wie eine beleuchtete Schuhschachtel wahrzunehmen. Sobald der Dirigent ans Pult tritt, fahren zwei Leinwände aus der Decke, auf denen sich Oper im Großformat präsentiert. So kommt Tannhäuser der letzten Reihe ganz nah. Dem unerfahrenen Operavisionär wird es nicht leichtfallen, auf den Screens links und rechts die Nahaufnahme einer überlebensgroßen Venus mit dem schwer zu entwirrenden Gewusel in der winzigen Bühnenschachtel zu vereinbaren. Während das Auge sich mühelos am wunderbar weißen Gebiss der Elisabeth erfreuen kann, nimmt das Ohr ihre Stimme nur aus weiter Ferne wahr. Mag durchaus sein, dass sich das Problem mit etwas Erfahrung und Gewöhnung in Wohlgefallen auflöst. Über- und Untertitel sind inzwischen nicht mehr aus Opernhäusern wegzudenken, auch wenn es Vorbehalte gegenüber ihren segensreichen Auswirkungen gibt. Warum sollte es bei der Operavision anders sein? Im Übrigen hat es auch seinen Vorteil, in undurchschaubarer Entfernung zur Bühne zu sitzen. Früher hätte niemand so recht mitgekriegt, dass Elisabeth, die sonst hinter den Kulissen stirbt, in Vicks Version vom eher sanftmütigen Wolfram erwürgt wird. Jetzt ging der Mord horrorfilmartig über die doppelte Leinwand. Vor manchen Visionen ist es eben doch ratsam, die Augen zu schließen. J.M.

Quelle: F.A.Z., 12.10.2007, Nr. 237 / Seite 41
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