http://www.faz.net/-gqz-qaf9
 

Glosse Feuilleton : Olivia Pascal forever

  • Aktualisiert am

Alles sehr, sehr rätselhaft. Das geht schon damit los, daß die Zeitschrift problemlos jeden Wettbewerb um den abstrusesten Titel wahrscheinlich auch weltweit gewinnen würde. "SigiGötz Entertainment" ist schon deswegen eine Merkwürdigkeit, ...

          Alles sehr, sehr rätselhaft. Das geht schon damit los, daß die Zeitschrift problemlos jeden Wettbewerb um den abstrusesten Titel wahrscheinlich auch weltweit gewinnen würde. "SigiGötz Entertainment" ist schon deswegen eine Merkwürdigkeit, weil es sich dabei erstens nicht etwa um den Namen des Herausgebers handelt, sondern um einen gleichnamigen Regisseur, dessen Filme zweitens so ungefähr das letzte sind, was irgendeine andere Filmzeitschrift zu einer Hommage bewegen würde. Siggi Götz - den man, um den Irrsinn komplett zu machen, tatsächlich mit Doppel-Gustav schreibt - war das Pseudonym des Film- und vor allem Fernsehregisseurs Sigi Rothemund, das er immer dann annahm, wenn er sich im Kino unter Niveau amüsieren wollte. Von 1972 bis 1988 war Siggi Götz zugange und drehte Filme wie "Alpenglühn im Dirndlrock" oder "Piratensender Powerplay", "Bohr weiter, Kumpel!" oder "Die schönen Wilden von Ibiza", vor allem aber "Griechische Feigen", der den Jungs von "SGE" offenbar deswegen besonders ans Herz gewachsen ist, weil darin ihre Traumfrauen und Säulenheiligen Olivia Pascal und Betty Verges die Hauptrollen spielten. Folgerichtig zieren die beiden sämtliche Titelbilder der inzwischen sieben Ausgaben. Wenn man 1976 ein bestimmtes Alter hatte, ist diese Verehrung zumindest nicht ganz unverständlich.

          "SigiGötz Entertainment" (Telefon 089/7256680 oder Ulrich.Mannes@t-online.de) ist also ein Organ für den etwas anderen Geschmack und frönt hemmungslosem Obskurantismus, worin ohnehin die vorrangige Existenzberechtigung für Filmzeitschriften liegt. In jedem Filmfan schlummert schließlich ein Faible für Entlegenes, insbesondere für alles, was zu Jugendzeiten das Herz erfreute. Die Hefte haben um die zwanzig Seiten und sind charmant durchnumeriert: Erster Versuch, Zweiter Anlauf, Dritter Fall, Viertes Aufgebot, Fünfte Lieferung, Sechster Schnitt, Siebentes Verfahren. Die Hauptautoren sind Stefan Ertl, Hans Schifferle und Rainer Knepperges, der nach Art von Manny Farber sehr schöne Vignetten aus der Welt des Kinos zeichnet und aus dem "Lexikon des Internationalen Films" ein tolles Gedicht zusammengestellt hat, das ausschließlich aus den mitunter bizarren deutschen Verleihtiteln besteht, die beim Blättern tatsächlich eine ganz eigene Poesie entwickeln: "Und nichts als ein Fremder und nichts als die Wahrheit und noch frech dazu und noch nicht sechzehn und ringsum streiten die Wölfe und samstags nackt. Und Santana tötet sie alle und Savanna lächelt und Scotland Yard schweigt. Und sie sind nur Kinder und sie waren jung und sie waren noch nicht erwachsen und so was will erwachsen sein und so was muß um acht ins Bett und so was nennt sich Detektiv und so was nennt sich Leben." Und so geht es vier Absätze weiter.

          Filmfans wissen, daß es nichts Schöneres als Listen gibt und kein Kanon länger Bestand haben sollte als bis zum Morgengrauen. Außer den üblichen Jahresbestenlisten, die im Schnitt dann doch gar nicht so sehr obskur sind, gibt es hübsche Varianten: "Die zweite Chance" über Filme, die man beim ersten Mal schrecklich fand, mit Begründung; und "Most Wanted" über Filme, die man vor Urzeiten mal gesehen hat oder die völlig verschollen sind. Beide Kategorien decken all das ab, was im Tagesgeschehen längst keinen Platz mehr hat und auch auf DVD nicht so bald wiederentdeckt werden wird.

          Über mehrere Nummern hinweg zieht sich das großartige Lexikon der Glamour Girls and Boys, in dem Schifferle und Ertl sich mit liebevollen Kurzbeschreibungen vor allem und allen verbeugen, was je ihren Blick gefesselt hat: von Heidi Brühl bis Ulrike Meyfarth, von Marie Bäumer bis Judy Winter, von Andreas Baader bis Erik Zabel, von Rolf Eden bis Erik Ode. Man sieht daran, daß Glamour nie nur aufs Kino beschränkt war, sondern überall dort ansetzt, wo Faszination in Erzählung umschlägt. Was einst der große Glanz war, ist heute das tausendfache Funkeln im Fernsehen und auf dem Boulevard. Den treffendsten Satz über all das, was in dieser Zeitschrift zusammenfließt, hat Knepperges dem Filmemacher Matl Findel abgelauscht: "Das ist ja auch das Schöne am Kino, daß man sich an Sachen erinnert, die man noch gar nicht erlebt hat." malt

          Quelle: F.A.Z., 30.06.2005, Nr. 149 / Seite 43

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Koalitionspoker : Zweifel am guten Willen

          Vor dem Gespräch mit der SPD an diesem Mittwoch gibt sich die CDU ungewohnt mild, die CSU hingegen eher scharf. Besonders in Bayern freuen sich nicht alle auf die vierte große Koalition.

          Vergewaltigung als Kriegswaffe : Das Ende der Ignoranz

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Angelina Jolie wollen Frauen vor sexueller Gewalt im Krieg schützen. Ihre Initiative stellt der Nato nachträglich ein Armutszeugnis aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.