Home
http://www.faz.net/-gqz-126dk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Feuilleton Nervenfutter

27.04.2009 ·  Jeder weiß: Ohne Gedächtnis können wir nichts empfinden. Und je mehr wir anhäufen an riechenden, schmeckenden, klingenden Erinnerungen, umso größer erscheint uns die Fülle des Lebens. Warum also nicht zum Gedächtnisdoping greifen, wie es Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini vielleicht tut?

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Lesermeinungen (0)

Unser Gedächtnis als den sechsten Sinn, gewissermaßen als allem übergeordneten Gedächtnissinn, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, hat die Wissenschaft leider nie ernsthaft erwogen. Dabei ist die Idee durchaus des Nachdenkens wert. Jeder weiß: Ohne Gedächtnis können wir nichts empfinden. Gleichzeitig nützt uns keine Empfindung, wenn wir sie nicht assoziativ einzuordnen vermögen. Und je mehr dieser riechenden, schmeckenden, drückenden, klingenden und erkennbaren Wahrnehmungen wir im Laufe unseres Lebens zu diesen herrlich spät blühenden Erinnerungssträußen zusammenzubinden vermögen, desto größer erscheint uns später des Lebens Fülle.

Marcel Proust hatte die Idee in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ literarisch aufgegriffen. Von Rita Levi-Montalcini, der großen alten Dame der Hirnforschung, hören wir nun, dass sie sich auf ihrer Geburtstagsfeier dem Kern der These mutig angenähert hat. Ihre Geisteskapazität, sagte sie, sei heute größer als mit zwanzig, so viel Erfahrung habe sich in ihrem Gehirn angesammelt. Rita Levi-Montalcini ist seit ein paar Tagen hundert Jahre alt und damit nicht nur die älteste lebende Nobelpreisträgerin. Die gebürtige Turinerin ist überhaupt die erste Nobelpreisträgerin, die diese Altersgrenze überschritten hat. Und das ohne die geringsten Anzeichen von Müdigkeit. Jeden Tag kommt sie weiter in das von ihr gegründete „European Brain Research Institute“ in Rom und treibt ihre Laboranten an.

Ihre standhafte Weigerung zu vergreisen provoziert allerdings auch böse Gerüchte: Hirndoping. Unter Verdacht steht einer der körpereigenen Nervennährstoffe, der Wachstumsfaktor NGF - ein Protein, das unser Hirn nicht hungern, sondern gedeihen lässt. Bis ins höchste Alter. Vor einem halben Jahrhundert hat Levi-Montalcini das Nervenfutter entdeckt, 1986 hat sie dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten. Und heute, heißt es aus ihrem Umfeld, führe sie sich NGF täglich als Augentropfen zu. Ihr geheimer Jungbrunnen. Das wäre natürlich, Alterswürde hin, geistiges Eigentum her, ein dringender Fall für die Wabda, die „World Anti-Brain Doping Authority“. Die präsentiert sich seit einiger Zeit straff organisiert im Internet. Und ist doch ein Aprilscherz. Glück muss man haben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Jüngste Beiträge

Rote Linien

Von Christian Geyer

Vom Diskurs- zum Biokonservativen? Die Stadt Wien hat Jürgen Habermas jetzt einen Preis für Psychotherapie verliehen. Der Philosoph flirtet neuerdings mit Kierkegaard, lässt sich aber auch zum Thema Hörgeräte aus. Mehr