22.06.2005 · Als die Schauspielerin Tilla Durieux 1913 am Berliner Lessing Theater in Shaws Pygmalion brillierte, erregte Alfred Kerrs Verriß Entrüstung. Eine seiner abfälligsten Bemerkungen in dem giftigen Artikel lautete, die Durieux biete "das Antlitz einer ausgebleichten Negerin".
Als die Schauspielerin Tilla Durieux 1913 am Berliner Lessing Theater in Shaws Pygmalion brillierte, erregte Alfred Kerrs Verriß Entrüstung. Eine seiner abfälligsten Bemerkungen in dem giftigen Artikel lautete, die Durieux biete "das Antlitz einer ausgebleichten Negerin". Aber das böse Wort ließ seinen Kritikerthron nur deshalb kurz wanken, weil die Tatsache allgemein bekannt war, daß Kerr mit der Wut eines verschmähten Liebhabers geschrieben hatte. Heute riskierte ein Journalist mit einem solchen Satz eine Abmahnung oder gar die Entlassung. Mit Sicherheit aber wäre er einem verbalen Trommelfeuer aller politisch Korrekten ausgesetzt. Besonders empört würde sich wohl Legrand Clegg äußern, Historiker und Wortführer schwarzer - oder schreibt man besser: afro-amerikanischer? - Aktivisten in Los Angeles. Sie demonstrieren derzeit vor den Toren der Tut- Anch-Amun-Ausstellung, die nach Riesenerfolg in Basel und Bonn nun in Hollywood Station macht. "King Tut is black" steht auf den Spruchbändern der Demonstranten, und auf ihren Transparenten sind Fotos der berühmten Wächterstatuen aus Tuts Grab zu sehen, die Porträtähnlichkeit mit dem Pharao zeigen, vor allem aber, und darum geht es den Protestanten, mit pechschwarzer Farbe überzogen sind. Daß dies der altägyptischen Ikonographie der Toten- und Jenseitswelt entspricht, schert die von Tuts schwarzer Rasse Überzeugten so wenig wie die Tatsache, daß zu Zeiten der Pharaonen Neger - sprich: Nubier - als Angehörige von Elite-Söldnertruppen oder als Sklaven dargestellt wurden. Unbekannt scheint ihnen auch die für politische Korrektheit gewiß verdammenswerte Tatsache, daß Altägyptens Gottkönige jahrhundertelang als Sieger über Nubier - sprich: Neger - dargestellt wurden: In Gestalt gefesselter Feinde zierten sie die Sohlen der königlichen Sandalen und wurden so symbolisch mit Füßen getreten. Gilt nicht, sagen die Aktivisten in Los Angeles, Tut war unser Bruder; und Legrand Clegg bekräftigt dies mit einem scharfen "die alten Ägypter waren Schwarze". Zum Beweis werden Bildnisse der Teje, der Großmutter Tuts, hochgehalten. Ihre bekannte, seit 1905 in Berlin aufbewahrte Büste galt wegen negroider Anklänge damals einigen obskuren Rassekundlern als Beweis dafür, daß sie unverkennbar eine Negerin und damit Agentin des Untergangs gewesen sei. Doch nicht einmal die im selben Jahr in Berlin gegründete "Gesellschaft für Rassehygiene" beachtete die abstruse These. Das beirrte weder die damaligen Rassefanatiker noch erschüttert es die heutigen. Obwohl im Januar 2005 eine Computertomographie der Mumie Tuts keine Hinweise auf schwarze Ahnen ergab, fordern sie, eine Büste zu beseitigen, die Tut Anch Amun als Weißen - sprich: mediterranen Typus mit dunklem Teint - zeigt. "Ägypten liegt in Afrika", sagt Clegg, und die Ausstellung sei, solange die Büste bleibt, "eine Konspiration zur Unterdrückung der schwarzen Geschichte". So einfach ist das. Zumindest für korrekte Fanatiker. bat.