21.08.2006 · Schönheit definierten die Surrealisten mit Lautréamont als "die zufällige Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch" - die überraschende Kombination miteinander unvereinbarer Elemente, deren tieferer Zusammenhang sich nur einer Logik des Traums erschließt.
Schönheit definierten die Surrealisten mit Lautréamont als "die zufällige Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch" - die überraschende Kombination miteinander unvereinbarer Elemente, deren tieferer Zusammenhang sich nur einer Logik des Traums erschließt. Für eine solche Reise ins Unbewußte braucht es kein Museum, man kann sie auch auf deutschen Autobahnen unternehmen. Wie anders als als surrealistische Erfahrung ließe sich die unverhoffte Begegnung einer Herrentoilette und eines Kaminofens auf einer Raststätte beschreiben? Jeder Benutzer deutscher Autobahnen beziehungsweise ihrer WCs hat sie schon gemacht. Die deutschen Tankstellenklos sind flächendeckend mit Werbung der Ofenbau-Firma "Kago" überzogen, und selbst wer nicht einmal im Traum auf die Idee kommen würde, sich einen "Front-", "Eck-", "Im-Eck-" oder auch einen "Um-Eck-Heizkamin" anzuschaffen, wird buchstäblich mit der Nase auf die schier endlosen Variationsmöglichkeiten des Ofenbaus und seiner Nomenklatur gestoßen. Denn ob die Modelle nun "Aachen" oder "Andernach", "Athen" oder "Alicante" oder schlicht, etwas pleonastisch, "Ambiente" heißen - irgendwie sehen alle diese mit Kacheln, Metall oder gar Marmor verkleideten Muster-Monstren auf den stets menschenleeren Werbefotos gleichermaßen gesichtslos, kalt und ungemütlich aus - wie der rundum zugekachelte Spießertraum vom heimischen Herd, die perfekte Verkleidung des diabolisch knisternden Eigenheimhöllenfeuers. Dabei kann man sich so gut vorstellen, wie die Kreativen von einer Provinzwerbeagentur sich das alles ausgedacht haben: Wovon träumt der übermüdete Fahrer auf dem zugigen, ekligen Rastplatzklo? Vom Ankommen natürlich, von der Wärme daheim, von der wartenden Frau am prasselnden Feuer, genau so wie einst der Eiszeitjäger auf dem langen Rückweg in die verrauchte Höhle. Noch vom Rastplatz aus zu Hause anrufen, das wär's: "Schatz, ich habe eine tolle Idee, der Kachelofen ,Wintermärchen' würde perfekt in unser Wohnzimmer passen. Nächste Woche schon wird er eingerummst, deine olle Couch muß dafür leider auf den Kompost." Und noch während man weiter mit Bleifuß Richtung Heimat heizt, ist die erkaltete Liebe wieder neu entflammt. Doch die Bilder sprechen leider eine andere Sprache: Statt der Zufuhr neuer Beziehungsenergie vermeint man gerade den teuersten Öfen (Modell "Krefeld, nur 3997 Euro") schon das spätere Feilschen anzusehen: "Du behältst die Feuerstelle, ich krieg' den Flachbildschirm." Vielleicht hat es eine tiefere Bedeutung, daß auch ein "Raumteilermodell" namens "Sonnenwende" im Angebot ist. Und wie ist eigentlich die nach Sternen und kalten, fernen Planeten benannte Produktreihe gemeint, mit Modellen wie "Lyra", "Orion" oder gar "Pluto", tückisch in hellen, warmen Farben gehalten? So kann man sich an Werbung die Finger verbrennen: Wer sich solch ein Ding ins Haus stellt, so die subkutane Botschaft, bei dem ist endgültig der Ofen aus. rik