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Glosse Feuilleton Monströmäki

22.05.2006 ·  Was macht der Finne eigentlich mit seinem sagenhaft guten Schulabschluß? In Athen wurde diese Frage exemplarisch beantwortet. Aber nicht nur die Pisa-Sieger zeigten beim Eurovision Song Contest schlechten Geschmack.

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Was macht der Finne eigentlich mit seinem sagenhaft guten Schulabschluß? Soeben wurde diese Frage exemplarisch beantwortet. Schau an, die Heimatkunst der Pisa-Sieger, mochte man sagen, als am Samstag fünf ehemalige Ganztagsschüler mit hoher Lesekompetenz in gräßlicher Monstermaskerade kraft einer Elektrokrachattacke zum ersten Mal für Finnland den europäischen Schlagerwettbewerb gewannen.

Manche fürchten jetzt zwar, der haushohe Sieg von „Lordi“ mit ihrem gar schröcklich-förchterlichen Lied über die „Arockalypse“ sei ein Zeichen für: Verrohung der Jugend, heidnische Unterströme, satanische auch, was allerdings nicht ganz genau dasselbe wäre, zunehmende Aufdringlichkeit, fallende zivilisatorische Standards im öffentlichen Fernsehen. Fallhöhe Teppichkante also.

Auf dem Sofa gegen das Sofa

Tatsächlich muß man sich die Vorgänge vorgestern kurz vor Mitternacht aber doch wohl anders vorstellen: Vor den Fernsehgeräten hängen tätowierte Odinsdiener mit in Leder gewandeter Begleitung in den Sesseln, bei Knabberzeug und Mettigel. Schön, sagt man sich, sind sie wenigstens bei Mutti und von der Straße runter. Drinnen muten sie sich und ihren Bräuten wie Millionen anderen, Untätowierte, die keine Schlager-Fans sind, stundenlang als Abendunterhaltung - die Langeweile ist offenbar geradezu eine finnische - zu Bier und Schnittchen die Produkte aus der Trällerkultur des bißchen Friedens und der Habt-euch-lieb-Welt zu, um sie am Ende: per Tastendruck abzuwählen. Zugunsten einer Lärmkapelle, deren Lieder so sehr erschrecken machen wie das „Buhuhu!“ in der Geisterbahn.

Beim ganzen Zinnober mit „Nightmare“, Kettensägengetue und nordischem Nebelsagenklimbim, Axt und Amen, tanz den Apokalypso und Kitschresteverwertung aus der William-Blake-Konfektion, bei alldem geht es in erster Linie um Dabeisein und zugleich Dagegensein. Also auf dem Sofa gegen das Sofa, in der Spießersendung gegen die Spießer. Einmal Vicky Leandros so richtig, richtig erschrecken, das wär's. Man muß nicht mal mehr raus, um die Leute vor den Kopf zu stoßen, Anruf genügt, und man ist als eine Minderheit ganz leicht in der Mehrheit - und das sogar im Fernsehen. Ja, es dem Fernsehen mal so richtig zeigen, das ist's, das haut rein. Finnische Saurier als Helden oder: Der Widerstand findet, voll kraß und immer schön drastisch, im Partykeller statt. Nicht enden wollendes Schenkelklopfen, und Otto Normalabweicher kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen.

Quelle: kau / F.A.Z., 22.05.2006, Nr. 118 / Seite 35
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Von Christian Geyer

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