13.07.2007 · War das Handkes "Publikumsbeschimpfung", die Keith Jarrett auf dem größten italienischen Jazzfestival zu Perugia wieder aufführte? Zwar hatte der Conférencier des "Umbria Jazz", der noch jedes der vier Dutzend Konzerte, die binnen ...
War das Handkes "Publikumsbeschimpfung", die Keith Jarrett auf dem größten italienischen Jazzfestival zu Perugia wieder aufführte? Zwar hatte der Conférencier des "Umbria Jazz", der noch jedes der vier Dutzend Konzerte, die binnen einer Woche die Stadt auf der Etruskerfestung in einen einzigen Musikreigen verwandeln, sie zu vereiteln gesucht, indem er das Auditorium inständig, ja flehentlich bat, auf den sensiblen Pianisten Rücksicht zu nehmen, nicht zu filmen und nicht zu fotografieren. Doch Keith Jarrett wollte es anders. Trat auf die Bühne, ans Mikrofon - es sollte für lange Zeit das einzige Mal sein, dass wir ihn von vorne sahen - und sprach in einer Weise, die im amerikanischen Fernsehen mehrere hunderttausend Dollar Strafe für üble Rede kosten würde. Erst das A-Wort, dann das F-Wort, dann noch einmal das F-Wort, die Drohung zu gehen, sobald er eine Kamera erblicke und die Ermächtigung eines jeden, seinem Nebenmann handgreiflich zu kommen, falls dieser auch nur sein Fotohandy zücke. Die rund fünftausend Besucher waren so konsterniert angesichts der aggressiven, ja hasserfüllten Ansprache, dass es zu mehr als ein paar zaghaften Unmutsrufen nicht reichte. Vielleicht hielten sie dem Musiker zugute, dass er wegen einer Krankheit lange nicht auftreten konnte und das Klavierspiel von Grund auf neu beginnen musste. Doch lässt man sich deshalb anbrüllen? Von nun an sahen wir den Künstler nur noch von hinten, seine grüne Weste aus der Ferne im Abendlicht gerade erkennbar. Der Bassist, der Jarrett begleitete, war angeblich Gary Peacock, der Mann am Schlagzeug dem Vernehmen nach Jack DeJohnette, doch da wir außer einem lustlosen Schmirgeln aus seiner Richtung nichts vernahmen, wollen wir es nicht glauben. Die Aufmerksamkeit verlagerte sich nun auf die Carabinieri, die am Rande der Bühne aufmarschierten. Durften wir annehmen, dass sie den einen Wagemutigen, den wir mit einem Fotohandy in der Menge erkannten, sogleich abführten? Oder würde Jarrett, der gerne im Stehen spielt, einfach abgehen? Nichts geschah. Auf der fernen Bühne klimperten die drei Herren mit dem Kontrabass ihr Programm herunter, zur Pause, die dankbar früh kam, verließ ein guter Teil des Publikums die Arena. Die Musik spielte anderswo, auf den kleineren Bühnen und auf den Straßen, wo italienische Jazzmusiker wie der Pianist Michele di Toro und der kaum achtzehnjährige Saxophonist Francesco Cafiso zeigten, welcher Gewinn denjenigen erwartet, der für das Publikum spielt. Die Lokalpresse findet, der berühmte Pianist aus Übersee, der schon vor mehr als dreißig Jahren das erste Mal nach Perugia kam, habe nicht nur seine Zuhörer, sondern das ganze Festival beleidigt: "Mai piu Jarrett." Genau das werden sich die Zuhörer gedacht haben: Jarrett - nie wieder. miha.