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Glosse Feuilleton Minus tausend Euro

 ·  Die neue Berliner Elite kommt unscheinbar daher. Viele der Jungen tragen die Haare so lang, dass sie ins Gesicht hängen, bei den Mädchen fallen besonders die Vietnamesinnen aus Hohenschönhausen auf. Sie sind in das Erwin-Schrödinger-Zentrum ...

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Die neue Berliner Elite kommt unscheinbar daher. Viele der Jungen tragen die Haare so lang, dass sie ins Gesicht hängen, bei den Mädchen fallen besonders die Vietnamesinnen aus Hohenschönhausen auf. Sie sind in das Erwin-Schrödinger-Zentrum in Adlershof gekommen, um sich einen Preis und einen Zuschuss zum Taschengeld abzuholen - und um sich einen Vortrag darüber anzuhören, mit welcher mathematischen Formel man die optimale Zahl von Wächtern in einem verwinkelten Museum ausrechnen kann. Die neue Berliner Elite, das sind Jugendliche, die ziemlich lässig auftreten, aber als Lebensziel trotzdem nicht "Soapstar" nennen. Sie haben sich durchgeschlagen, nicht im RTL-Survival-Camp, sondern bei der Landesrunde der Mathematik-Olympiade. Und das will etwas heißen. Schon die Aufgaben für die neunte Klasse treiben Normalakademiker zur Verzweiflung. Wer hier besteht, kann später den großen Mangel an Mathematikern beheben helfen, von dem kann es in Zukunft abhängen, dass das Internet nicht kollabiert, Flugzeugflügel nicht abbrechen, Medikamente schnell entwickelt werden, all das, was die Mathematik als Grundlage unserer Zivilisation eben so leistet. Die besten der dreihundert Jugendlichen, die in diesem Jahr in Berlin angetreten sind, dürfen nach Karlsruhe fahren, zum Bundeswettbewerb, dessen Schirmherr der Bundespräsident ist. Doch diese Berliner Jugendlichen, von denen viele aus Einwandererfamilien stammen, aber nicht durch ein Abonnement beim Staatsanwalt auffallen, interessieren offenbar niemanden. Ausgerechnet Berlin lässt seine junge Elite allein. Während auch noch drittklassige Glamour-Events fest mit dem Regierenden Bürgermeister rechnen können, hat sich an diesem Vormittag nicht einmal ein einfacher Abgesandter der Stadt in das Schrödinger-Zentrum verirrt. Eltern und Jugendliche bleiben unter sich. Und das Erste, was die aufstrebenden Wissenschaftsgenies vom Vorsitzenden des kleinen, feinen Mathematikolympiadenvereins zu hören bekommen, ist, dass auch der bisherige Hauptsponsor kein Interesse mehr zeigt. Bisher reichte jedes Jahr ein Anruf im Vorstandsbüro des Pharmaunternehmens Schering, um tausend Euro gespendet zu bekommen: genug für das Preisgeld, für ein Mathematikwochenende und die Fahrt zum Bundeswettbewerb. Doch Schering ist jetzt globalisiert, heißt "Bayer Schering Pharma" und gehört einem Konzern mit dreißig Milliarden Euro Umsatz. Von dort kam ein Schreiben, dass man die "Winter-Olympiade" nicht mehr fördern werde, weil der neue Hausherr sich auf "naturwissenschaftliche Projekte, Kultur und Soziales konzentrieren will". Gehört Mathematik in keine dieser Kategorien? Das ist wohl eine Tausend-Euro-Quizfrage. csl.

Quelle: F.A.Z., 13.03.2007, Nr. 61 / Seite 33
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