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 ·  Emmanuel Le Roy Ladurie ist der Sohn eines adligen Großgrundbesitzers, der Petain und Vichy eine Zeitlang als Minister diente. Er selber büßte für den familiären Sündenfall als strammer Marxist. Le Roy Ladurie ist einer der führenden ...

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Emmanuel Le Roy Ladurie ist der Sohn eines adligen Großgrundbesitzers, der Petain und Vichy eine Zeitlang als Minister diente. Er selber büßte für den familiären Sündenfall als strammer Marxist. Le Roy Ladurie ist einer der führenden Vertreter der "Nouvelle Histoire", die sich mit den Strukturen befaßt und die "longue duree" im Auge hat. Seine Bücher wurden Bestseller und sind Standardwerke geblieben. Seit das Wetter verrückt spielt, gehört der Verfasser einer einzigartigen "Geschichte des Klimas" zu den bekanntesten und begehrtesten französischen Intellektuellen. Die fünfzehntausend Toten des Hitzesommers hat er mit den 450000 Opfern der Hitzewelle im Jahre 1719 verglichen, um die man keinerlei Aufhebens gemacht habe. "Werturteile", schreibt er im "Figaro", "sind wechselhaft und zeitgebunden." Und deshalb sei die gegenwärtige Gleichgültigkeit bezüglich der rund zweihunderttausend jährlich vorgenommenen Abtreibungen in Frankreich wohl nicht das letzte Wort der Geschichte und der Moral. Die Zahl wurde aus Anlaß der Legalisierung vor dreißig Jahren errechnet. Zehntausend Demonstranten haben im Januar an den Kampf, der ihr vorausging, erinnert. Als Bilanz von drei Jahrzehnten haben Sozialforscher und Demographen in zwei Studien festgestellt, daß jährlich 206000 Abtreibungen vorgenommen werden. Meist in der Absicht, die Mutterschaft zu verschieben - bis es um die Beziehung oder die Finanzen besser steht. Der Historiker stellt die Abtreibungen den 764000 Geburten gegenüber und rechnet: 21 Prozent aller Schwangerschaften werden abgebrochen. Dieser Prozentsatz, stellt er verblüfft fest, entspricht ziemlich genau der Kindersterblichkeit bis zur Französischen Revolution. So viele Kinder, wie damals im ersten Lebensjahr starben, werden heute abgetrieben: rund ein Fünftel. Handelt es sich, fragt der Historiker, um "russisches Roulett"? Und: "Kann man sagen, daß die zeitliche Verlagerung in geistiger Hinsicht befriedigend ist?" Keineswegs. Die Beobachtung ist vielmehr extrem verstörend. Le Roy Ladurie illustriert sie mit ein paar Bemerkungen. Er zitiert Marcel Gauchet vom "Debat", den die Perfektionierung der Schwangerschaftsverhütung wegen der demographischen Folgen beunruhigt: In ein paar Jahrzehnten werde Italiens Bevölkerung nur noch zwanzig Millionen Menschen umfassen. Le Roy Ladurie erwähnt die radikalen Grünen und den Schutz bedrohter Gattungen. Er erinnert an die "Lust mit Maß" als Ausdruck der "antiken, christlichen und auch noch republikanischen Weisheit bis 1968, so altmodisch sie inzwischen erscheinen mögen". Mit dem Mai '68 begann die Liberalisierung der Sitten. Le Roy Ladurie fordert keineswegs ein neuerliches Verbot der Anti-Baby-Pille. Auch nicht der Abtreibung, die unter Vichy mit der Todesstrafe geahndet werden konnte. Den "militanten Feministinnen", für die der Embryo "nur eine kleine Portion ihres eigenen Körpers" sei, will er "in Erinnerung rufen, daß jeder zweite abgetriebene Fötus" eine Frau ist, eine "verhinderte Mutter". "In Indien und China ist dieser Anteil noch viel größer." Wohl eher ungewollt bestätigt er seine These von der Kontinuität über die "longue duree" hinweg. Ob Le Roy Ladurie die Kindersterblichkeit des Ancien regime lieber war, wird nicht klar. Aber die Abtreibung hält der Historiker der Mentalitäten nach wie vor für ein Problem der Frauen. J.A.

Quelle: F.A.Z., 07.03.2005, Nr. 55 / Seite 35
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