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Glosse Feuilleton Listige Chinesen

07.11.2011 ·  Bis zum Montagnachmittag haben etwa 30.000 Chinesen dem Künstler Ai Weiwei über eine halbe Million Euro gespendet - zur Klärung seiner Steuersache. Und das scheint nur der Anfang zu sein.

Von Mark Siemons
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So eine Hilfsaktion hat China noch nicht gesehen. Bis Montagnachmittag ließen insgesamt 30.000 Menschen Ai Weiwei rund fünf Millionen Yuan Renminbi (569.000 Euro) zur Klärung seiner Steuersache zukommen, durch Überweisung, Wurfsendungen über die Mauer seiner Atelierwohnung und durch Überbringen, oft durch Kinder - ein Ende ist nicht abzusehen.

Der Dissident Hu Jia, der selbst dreieinhalb Jahre Haft hinter sich hat, hatte den Anfang gemacht; seitdem er über Twitter mitteilte, Ai Weiwei aus „Dankbarkeit und Respekt“ 1000 Yuan geschickt zu haben, entdecken immer mehr Landsleute diese neue Form der politischen Meinungsäußerung. „Ich brauche das Geld nicht“, sagte der Künstler gestern dieser Zeitung, aber die Aktion sei ein wunderbares Zeichen der Solidarität. Und sie ist mehr als das. Mit ihrer Forderung über 15,1 Millionen Yuan Steuernachzahlung und Strafgebühren hatten die Pekinger Behörden eine Zwickmühle aufgebaut: Zahlt Ai Weiwei die Summe aus eigenem Vermögen und ohne den Vorwurf der Polizei überprüfen zu können - nach wie vor darf er die beschlagnahmten Firmenpapiere nicht einsehen -, käme dies nicht nur einem Eingeständnis, sondern einem nachträglichen Einverständnis mit den gegen ihn gerichteten Polizeimaßnahmen gleich, einschließlich seiner 81 Tage Haft an verborgenem Ort.

Gereiztheit bei der Parteizeitung

Zahlt er dagegen nicht, muss er mit weiteren Sanktionen, womöglich einer neuerlichen Verhaftung, rechnen. Ebendiese Zwickmühle bricht die Hilfsaktion nun auf. Das Strafgeld wird von Leuten bereitgestellt, die sich als der wahre Grund der Repressionen gegen den Künstler bekennen: Teile eben jenes Volkes, für das Ai Weiwei gegen staatliche Willkür eingetreten ist. Das ist eine Form der Demonstration, die ganz ohne Worte und physische Präsenz auskommt und von der stillschweigenden Voraussetzung lebt, dass die Realität dieses Landes mit den offiziell geäußerten Worten - hier: der Deklarierung des Falls Ai Weiwei als Steuervergehen - ohnehin wenig zu tun hat. Eine solche Art Subtilität ist vielleicht nur in China möglich, wo viele gut informierte junge Leute mit einem feinen Gespür für die vom Staat gezogenen Grenzen ausgestattet sind.

Die Parteizeitung „Global Times“ hat die Pointe genau verstanden: Die Gereiztheit, mit der sie die Geldüberweiser am Montag mit der üblichen Formel als „extrem kleine Gruppe“ denunzierte, ließ ihr Missfallen darüber erkennen, dass die amtlichen Regeln neuerdings sogar wortlos unterlaufen werden.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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