15.02.2005 · Das Wort Verantwortung hat eine traurige Karriere hinter sich, denn je öfter es benutzt wurde, desto weniger hatte es zu bedeuten. Wer heute die Verantwortung übernimmt, der will keine Konsequenzen ziehen.
Auch Begriffe haben ihr Schicksal. Mitunter verschwinden sie einfach, obwohl das Phänomen, das sie bezeichnen, nach wie vor existiert. Kein Mensch spricht heute mehr von flotten Bienen, obwohl sich die Existenz flotter Bienen weiterhin nachweisen läßt.
Es gibt aber auch den Fall, daß ein Begriff fleißig gebraucht wird, obwohl der von ihm bezeichnete Gegenstand sich längst verflüchtigt hat. Der Begriff ist dann nur mehr eine leere Hülle, ein häßlicher Sack, der nur deshalb nicht schlapp in der Gegend herumhängt, weil sich stets jemand findet, der heiße Luft hineinbläst. Nehmen wir nur das Wort Verantwortung. Es hat eine traurige Karriere hinter sich, denn je öfter es benutzt wurde, desto weniger hatte es zu bedeuten.
Wort mit Wechselkern
Der ehemals harte Kern des Wortes wurde mit dem Fön weichgepustet und herausgeblasen, bis ein sogenannter Wechselkern eingezogen werden konnte. Das ist auf dem Feld der öffentlichen Rede ein gängiges Verfahren, das immer dann angewendet wird, wenn ein Redner vom guten Klang und dem Assoziationsspektrum eines Begriffs profitieren möchte, ohne es sich etwas kosten zu lassen.
Ein Beispiel: Wenn früher jemand öffentlich erklärt hat, daß er sich zu seiner Verantwortung für ein bestimmtes Geschehen bekennt, war dies die Ankündigung eines nahen Rücktritts. Denn wer Verantwortung trägt, trägt auch die Konsequenzen. Das war der Sinn von Verantwortung. An seine Stelle trat der Wechselkern: Wenn Hans Eichel oder Jürgen Schrempp oder Joschka Fischer die Verantwortung dafür übernehmen, daß Wahlversprechen gebrochen, Geschäftsziele um Milliarden verfehlt oder Schleusergeschäfte erleichtert worden sind, kann dies nur heißen, daß sie keine Konsequenzen ziehen wollen. Es bedeutet nur, daß sie eine unliebsame Debatte beenden möchten.
Was wollt ihr noch?
Rhetorisch gesehen, ist der Verantwortungspomp ein versuchter Schlußstrich: Ich habe ja schon die Verantwortung übernommen! Was wollt ihr denn noch? Wer so handelt, bekennt sich zu seiner Verantwortung wie zu einer Eselsmütze, die er für den Zeitraum einer Bundestagsdebatte, eines Untersuchungsausschusses oder einer Aktionärsversammlung tragen muß. Danach ist die Strafe verbüßt und alles wie zuvor.
Daß dieses absurde Verfahren in der Regel funktioniert, liegt an der schwabbeligen Gefühlsdrüse der Mediengesellschaft, die alles und nichts übelnimmt, alles und nichts verzeiht und allenfalls für einen Augenblick zuckt, wenn ein Wort wie Verantwortung mißbraucht wird. Aber ist nicht die moralische Niederlage, die im öffentlichen Eingeständnis einer möglichen Verfehlung bei gleichzeitiger Zurückweisung jeglicher Konsequenzen besteht, für jeden Politiker Strafe genug? Ja, haben wir denn gar kein Herz? Nein, lieber nicht.