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Glosse Feuilleton : Kunstzerstörer

Der Kunstmarkt ist im Gegensatz zum Schrotthandel meist ein millionenschweres Geschäft. Dennoch werden immer häufiger Metallskulpturen gestohlen, eingeschmolzen und als Rohmetall verhökert. Die Berliner Polizei ließ sich davon nun inspirieren.

          William Blake wird die schöne Bemerkung zugeschrieben, dass der Baum, der den einen zu Tränen rührt, in den Augen des anderen nur ein grünes Ding ist, das im Weg steht. Auch wahr ist, dass die Skulptur, die den einen zu Tränen rührt, in den Augen einer wachsenden Menge von Delinquenten nur ein Haufen Metall ist, den man sehr gut einschmelzen kann. Wer die neuesten Meldungen aus der Welt des internationalen Kunstraubs durchliest, erkennt, dass die internationale Rohstoffknappheit zu einer immer größeren Bedrohung für die Gegenwartskunst wird – jedenfalls für solche, die in größerem Maßstab Metall verwendet.

          In Madrid hat die Polizei wie gemeldet vierunddreißig von fünfunddreißig Kunstwerken aufgespürt, die Ende November aus einem Depot im Süden der Hauptstadt gestohlen worden waren, darunter Arbeiten von Chillida, Picasso und Botero im Gesamtwert von fünf Millionen Euro. Eine wiederentdeckte Chillida-Skulptur, die auf achthunderttausend Euro geschätzt wird, hatte die Fahnder auf die Fährte des Lagers gebracht: Die Kunsträuber verkauften das bedeutende Werk für unglaubliche dreißig Euro – an einen Schrotthändler.

          Hämischer Gruß an die Diebe

          Der Trend zur Kunstzerstörung fing aber schon vor ein paar Jahren damit an, dass auf dem Gelände der Henry-Moore-Stiftung in Perry Green ein Geländewagen und kurz danach ein Lastwagen mit Kran vorfuhren. Die Diebe luden Moores 2,1 Tonnen schwere „Reclining Figure“ auf, zehn Minuten später waren sie weg, und von dem Kunstwerk fehlt seitdem jede Spur. Weil sich Zweitonner auf die Dauer nicht so gut verstecken lassen, vermutet man bei Scotland Yard, dass das Kunstwerk ganz schnöde wegen seines Materialwerts gestohlen und eingeschmolzen wurde – obwohl der mit rund 7500 Euro schmerzhaft deutlich unter dem Kunstmarktpreis von 4,4 Millionen Euro lag.

          Vor ein paar Wochen wurde im Garten des Berliner Bundeskriminalamts eine Skulptur des Künstlers Fritz Balthaus enthüllt, die genau diese seit dem Aufkommen des modernen Künstlerbildes abgeschaffte Zurücksetzung von Kunst auf ihren Materialwert thematisiert: In der Berliner Bildgießerei Noack, wo man unter anderem die gestohlene Skulptur Moores gegossen hatte, wurde deren ursprüngliches Gesamtgewicht von 2100 Kilogramm in Bronze-Rohbarren umgerechnet. Bei einem Einzelgewicht von 9,5 Kilogramm pro Barren ergeben sich 221 Barren, die Henry Moore für seine Skulptur eingeschmolzen hatte. Diese 221 Bronzebarren plazierte man jetzt als Hommage an das verschwundene Werk im Garten der Berliner Polizeizentrale, wie einen hämischen Gruß an potentielle Diebe: Hier kommt ihr nicht an das Material. nma

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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