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Glosse Feuilleton Kollektivkotau

Die Erfahrung lehrt, daß man aus der Erfahrung nichts lernt. Das sowjetische Genre der kollektiven öffentlichen Loyalitätserklärung gegenüber einer Staatsmacht, die soeben einen vermeintlichen Feind zerschmettert hat, schien gemeinsam ...

Die Erfahrung lehrt, daß man aus der Erfahrung nichts lernt. Das sowjetische Genre der kollektiven öffentlichen Loyalitätserklärung gegenüber einer Staatsmacht, die soeben einen vermeintlichen Feind zerschmettert hat, schien gemeinsam mit dem Sowjetsystem in den Orkus der Geschichte eingegangen - um jetzt, anläßlich der Verurteilung des ehemaligen Ölmagnaten Chodorkowskij in einem dem formalen Recht hohnsprechenden Gerichtsverfahren, seine Wiederauferstehung zu erleben. Fünfzig Schauspieler, Sänger, Schriftsteller und Sportler haben nun eine in der "Iswestija" veröffentlichte Erklärung unterzeichnet, welche jede Kritik an dem Yukos-Prozeß pauschal verdächtigt, den Rechtsstaat unterminieren und Steuersündern mildernde Umstände zugestehen zu wollen. Zwar stehe in einer Demokratie jedermann das Recht auf eine eigene Meinung zu, heißt es in dem als Anzeige abgedruckten Schreiben, doch über jemandes Schuld oder Unschuld müßten auch in Rußland in letzter Instanz die Gerichte befinden, ungeachtet aller ihrer bekannten "Unvollkommenheiten". Steuerhinterziehung werde schließlich überall auf der Welt als Kapitalverbrechen verfolgt. Zu den Unterzeichnern gehören der Historiker Roy Medwedjew, der Filmregisseur Stanislaw Goworuchin, der Theaterleiter Alexander Kaljagin, die Ballerina Anastasija Wolotschkowa und der Modeschöpfer Valentin Judaschkin. Freilich hat keiner von ihnen die 250000 Rubel oder siebentausend Euro bezahlt, die der Anzeigenplatz kostete. Das besorgte offenbar jenes anonyme Büro, von dem aus der Komponist Schainski angerufen und um Unterstützung für ein Schreiben ersucht wurde, das zur Steuerehrlichkeit ermahnen solle. Daß Vertreter der Intelligenz und des künstlerischen Lebens sich wieder hergeben, einen Bannfluch über ein staatliches Säuberungsopfer kollektiv nachzusprechen, wirkt wie ein Schock. Die Redaktion der "Iswestija" quittierte die eigene Anzeige mit einem entrüsteten Kommentar, in dem an die kollektiven Schmähschreiben erinnert wurde, mit denen Intellektuelle zu Sowjetzeiten sich von ihren in Ungnade gefallenen Kollegen wie Pasternak, Wassili Grossman, Sinjawski und Daniel lossagten und deren staatlichen Häschern ihre Unterwürfigkeit versicherten. Der Glaube, die postsowjetische Gesellschaft sei gegen eine Neuauflage der Kollektivbriefe immunisiert, erwies sich als falsch. Und das, obwohl über den heutigen Unterzeichnern im Gegensatz zu ihren sowjetischen Vorgängern nicht das Damoklesschwert staatlicher Repressionen schwebt. Heute ist es das Tauziehen um Anteile an der Nationalökonomie, die Chodorkowskij hinter Gittern und fünfzig gutversorgte Prominente zum Vollführen eines kollektiven Kotaus gebracht hat. kho

Quelle: F.A.Z., 04.07.2005, Nr. 152 / Seite 33

 
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Veröffentlicht: 03.07.2005, 16:40 Uhr

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Von Sandra Kegel

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