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Sonntag, 12. Februar 2012
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Glosse Feuilleton Kindeswohl

10.09.2008 ·  Ein Berliner Elternpaar hat vor Gericht durchgesetzt, dass sein Kind auf die nächstgelegene Schule gehen darf und nicht auf eine ihm zugewiesene. Die Schulbehörde hatte auf diese Weise eine bessere soziale Mischung für prekäre Schulen erreichen wollen.

Von Regina Mönch
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Kurz vor den Einschulungsfeiern in Berlin hat das Oberverwaltungsgericht eine neue Vorschrift für die Grundschulen der Hauptstadt kassiert. Die Schulbehörde hatte die imaginären Grenzen der Einschulungsbereiche aufgehoben und Eltern scheinbar mehrere Grundschulen zur Auswahl angeboten. Der Kläger, eine deutschtürkische Mittelschichtfamilie, lehnte die seinem Kind zugewiesene Schule ab und beharrte auf dem Wunsch, den ihm die Behörde verwehren wollte. Das Berliner Gericht gab nun den Eltern recht und nannte als wichtigsten Grund für seine Entscheidung den kurzen Schulweg für das Kind.

Die Behörden aber hatten gehofft, auf diese Weise eine bessere soziale Mischung für prekäre Schulen zu erreichen. Denn nur eine der vier in Rede stehenden, nämlich die Wunschschule der Kläger, bietet das, was bildungsorientierte Eltern in Berlin gerade noch akzeptieren für das eigene Kind: Wenigstens jeder zweite Schüler spricht Deutsch als Muttersprache. Die anderen weisen in dem überaus ehrlichen Schulführer der Hauptstadt nur noch zehn, maximal zwanzig Prozent deutsche Muttersprachler aus. Dazu kommen andere, informelle Nachrichten, die jeder im Kiez natürlich kennt: Armut, Gewalt, Sprachnot, auch bei den deutschen Schülern.

Segregation durch Einschulung

Hätte das Gericht anders entschieden, wären die Familie, wie viele vor ihnen, weggezogen. Ihre Wunschschule liegt genauso wie die abgelehnten in Moabit, einem kleinen Viertel mitten in Berlin. Oberflächlich betrachtet, existieren dort noch Nachbarschaften, die es in anderen Großstädten, wo soziale Milieus streng voneinander geschieden leben, längst nicht mehr gibt. Diese Segregation holt Berlin jetzt erst nach, und nicht selten ist der Auslöser die Einschulung: Das eigene Kind zur Kompensation verfehlter Einwanderungspolitk und gescheiterter Integration herzugeben ist Eltern nicht schmackhaft zu machen.

Ausgerechnet dort, wo sich grüne Multikultiträume am längsten zu behaupten schienen, in Berlin-Kreuzberg, eskalierte jetzt ein ähnlicher Konflikt. Dort weigern sich Eltern wegzuziehen, wollen auch nicht mehr mit falschen Adressen um einen der raren Plätze an einer friedlichen und sozialverträglich gemischten Schule pokern, sondern verlangen von Bildungspolitikern, dass die Ausnahme wieder die Regel wird. Für Kreuzberg ein schier unlösbares Problem: Je weniger schwierige, sprachlose Kinder in einer Schule sitzen, desto mehr müssen die anderen verkraften. Mit neuen Verwaltungsvorschriften oder wohlfeilen Appellen ans soziale Gewissen der Mittelschicht ist das nicht mehr zu erreichen.

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