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Glosse Feuilleton Kaderwelsch

01.11.2007 ·  Der Vorsitzende spricht zur Linie. Nein, der frühere. Wenn einer weiß, wovon die Rede ist, wenn das Wort "Revisionismus" auftaucht, dann ist es Christian Semler, der Kommentator der "taz", der gestern Martin Mosebachs Ansprache beim Büchner-Preis als "revisionistisches Gerede" abtat.

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Der Vorsitzende spricht zur Linie. Nein, der frühere. Wenn einer weiß, wovon die Rede ist, wenn das Wort "Revisionismus" auftaucht, dann ist es Christian Semler, der Kommentator der "taz", der gestern Martin Mosebachs Ansprache beim Büchner-Preis als "revisionistisches Gerede" abtat. Semler nämlich hat sein Leben der Bekämpfung des Revisionismus gewidmet, er ist der Mann, eine Abweichung auf zehn Meter zu erkennen. 1970 gründete er mit Jürgen Horlemann die maoistische KPD/AO. Maoismus bedeutete: Kampf gegen den "modernen Revisionismus" der Sowjets, denen das wahre Stalin-Erbe, als dessen Hüter die Chinesen auftraten, peinlich zu werden begann. Streitschriften gegen den "Revisionismus" druckte der Verlag von Semlers Partei in rauhen Mengen, leider ist unser Archiv der "Roten Fahne" nicht ausführlich genug, als dass auch die Reden des Vorsitzenden Semler gegen den Revisionismus aus dem roten Jahrzehnt zwischen 1970 und 1980 so dokumentiert werden könnten, wie sie es verdienen. Aber der Fall ist nicht zum Scherzen. Wer des "Revisionismus" im heutigen Sinn geziehen wird, des "Geschichtsrevisionismus" gar, der soll einfach nur ausgeschaltet werden. In Semlers Worten: Mosebach "sprengt entschieden den Rahmen dessen, was die Duldsamkeit gegenüber schriftstellerischer Rede zu ertragen gebietet". Re-vidieren heißt eigentlich: noch mal hinschauen. Wer diese hochvernünftige Maxime ausschließt, will die Sehweisen einbetonieren. Das Urteil über den "konsequent demokratischen Impuls der Französischen Revolution" (Semler) soll feststehen, ein für alle Mal, und die Opfer werden als Kollateralschäden eines Terrors verbucht, für den Semler noch heute um Verständnis wirbt: Sei er doch "angesichts des Bürgerkrieges, der konterrevolutionären Interventionen und des Drucks verelendeter Massen" erfolgt. Der Mann sollte einmal im Kader-Brockhaus das Wort "Vendée" nachschlagen: Bevölkerungsverluste bis zu fünfunddreißig Prozent in einer Provinz, die sich gegen das Pariser Revolutionsregiment erhob und in Strafaktionen von den "höllischen Kolonnen" verheert wurde - nach allen heutigen Kriterien ein Genozid. Aber wahrscheinlich hatten die guten Leute "Es lebe der König!" gerufen. L.J.

Quelle: F.A.Z., 02.11.2007, Nr. 255 / Seite 33
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