23.09.2005 · Nach längerer Zeit mal wieder eine Bahnglosse. Sie beginnt recht allgemein und hat, ehrlich gesagt, auch keine richtige Pointe. Es sind eher Eindrücke und Betrachtungen; dem Leser werden sie nicht völlig neu sein, trotzdem kann es nicht schaden, sie zu sichten.
Nach längerer Zeit mal wieder eine Bahnglosse. Sie beginnt recht allgemein und hat, ehrlich gesagt, auch keine richtige Pointe. Es sind eher Eindrücke und Betrachtungen; dem Leser werden sie nicht völlig neu sein, trotzdem kann es nicht schaden, sie zu sichten. Und somit fangen wir an: Mit dem "Service" - man kann dergleichen nur noch in Anführungszeichen setzen - ist es wie mit der "Information": Je mehr davon gesprochen wird, desto weniger gibt es davon, oder, was beinahe noch schlimmer ist, desto stärker werden sie auf Bereiche ausgedehnt, die mit dem Ursprungsanliegen nichts zu tun haben. Man kann heute kein Frisörgeschäft mehr betreten, ohne daß einem nicht sofort etwas zu trinken angeboten würde - wie dann die Haarfrisur ausfällt, ist Nebensache. Wenn man etwas trinken will, geht man ins Wirtshaus, wo man ja auch nicht sagt: "Einmal waschen und schneiden, bitte!" Das wäre, um kurz in die Politik abzuschweifen, ungefähr so, als hätte man Schwarz gewählt und die Roten würden sagen (oder umgekehrt): "Wir machen das dann also, danke für den eindeutigen Auftrag!" Systematisch wurden Service und Information der Eigenschaften beraubt, um derentwillen sie nützlich und eigentlich auch nur genießbar waren: Selbstverständlichkeit, Diskretion, Dosierung. Sie wurden totgequatscht - mit dem Ergebnis, daß sie uns in der heutigen Form oft den letzten Nerv rauben. Dies kann man anhand zweier Lebensbereiche besonders gut studieren: am Telefon und in der Bahn. Und hier ist es wiederum die Businessauskunft der Bahn (1 18 61), die Schnittmenge gewissermaßen zwischen beidem, in der die Service- und Informationsgesellschaft ihre aggressivste und zugleich ekelhafteste Ausprägung gefunden und die sie mit einer Zermürbungstaktik perfektioniert hat, die man beim Militär sicherlich vorbildlich nennen würde: "Guten Tag, mein Name ist Soundso, was kann ich für Sie tun?" Aber lassen wir das, jeder kennt dieses Gerede, mit dem die Leute für dumm verkauft werden sollen, während die Euros nur so durchrattern. Sitzt man dann im Zug, wird man als erstes über das viel zu laut eingestellte Bordmikrofon darüber unterrichtet, welche Fahrkarten alle nicht gültig sind und daß jeden Moment auch der freundliche Brezelverkäufer zusteigen muß, während sich das Reinigungspersonal mit einem stinkenden Beutel in der Hand über einen beugt, um den Aschenbecher zu leeren. Sollte der Zug auf offener Strecke zum Stehen kommen, erfährt man nur in Ausnahmefällen, wann es weitergeht und ob man seinen Anschluß noch kriegt. Geschenkt. Beziehungsweise: verraten und verkauft. Irgendwann, wenn auch die letzte IC-Tür mit dem gelben Aufkleber "unbenutzbar" versehen ist, werden wir wissen, daß die Bahn einmal ein sinnvolles, nervenschonendes Transportmittel war, das auf Service noch keinen Wert legte. edo.