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Glosse Feuilleton Hubbards Nachhilfe

01.08.2006 ·  Eine Mutter bietet der Schule ihres Kindes an, schwierigen Schülern Nachhilfestunden zu geben. Zweimal geschieht das, dann wird der Vertrag gekündigt. Die Frau soll zu Scientology gehören, vor allem aber die suspekten Lernmethoden des Sektengründers Hubbard anwenden.

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Eine Mutter bietet der Schule ihres Kindes an, schwierigen Schülern Nachhilfestunden zu geben. Zweimal geschieht das, dann wird der Vertrag gekündigt. Die Frau soll zu Scientology gehören, vor allem aber die suspekten Lernmethoden des Sektengründers Hubbard anwenden. Nicht immer geht es so glatt wie jüngst in Berlin, nicht immer erkennen Lehrer oder Eltern sofort, was sie unterschreiben, wenn sie Verträge mit einem Nachhilfe-Institut abschließen. Das Versprechen, das Kind nicht zu überfordern und ein ihm angemessenes Lerntempo zu entwickeln, wie es die Hubbard-Jünger tun, klingt noch nicht verdächtig. Es empfiehlt sich daher, das Kleingedruckte genau zu lesen. Offenbar macht das nicht jeder, der sein Kind einem vermeintlich professionellen Nachhilfelehrer anvertraut. Die Lehrerverbände und einige Kultusminister warnen darum neuerlich vor klandestinen Instituten, die zwar nicht offen unter Scientology firmieren, doch nach den Methoden der Sekte arbeiten. Sie geben Hinweise, auf welche Begriffe zu achten sei, müssen aber einräumen, daß mit der Begriffswahl noch nicht notwendig eine Indoktrination verbunden ist. Die Lernhilfen der Scientologen seien so etwas wie eine Einstiegsdroge, die gut verpackt verabreicht wird, heißt es. Alles in allem recht unklare Warnungen. Der Verfassungsschutz ist ein wenig eindeutiger, nennt auf seinen Internetseiten auch Nachhilfe-Firmen, die er der Organisation zuordnen konnte. Aber wer informiert sich zuerst beim Verfassungsschutz, wenn es darum geht, den Sohn oder die Tochter heil durchs Abitur zu bringen? Die Hansestadt Hamburg scheiterte im vergangenen Jahr vor dem Bundesverwaltungsgericht, weil sie "Schutzerklärungen" vertrieb, die Unternehmen vor dem Einfluß der Sekte schützen sollten. Geklagt hatte ein Wickelstudio, dessen Inhaberin Scientologin ist. Sie weigerte sich, in einer "Schutzerklärung" aus dem Rathaus von ihrem Glauben abzuschwören. Das Gericht gab ihr recht: Dem Eingriff des Staates in die Weltanschauungsfreiheit fehle die gesetzliche Grundlage. Nun sind Nachhilfeschulen etwas anderes als ein scientologisches Wickelstudio, aber die Sanktionsmöglichkeiten des Staates ähnlich begrenzt. Seriöse Nachhilfeschulen werben mit einem Prüfsiegel vom TÜV oder RAL; eine freiwillige Sache, die, würde sie von den Lehrerverbänden unterstützt, den Scientologen-Einfluß wirksam eindämmen könnte. Die in Deutschland ansonsten nicht sehr erfolgreiche Sekte hat sich nicht nur das Pisa-Desaster zunutze gemacht, das der Nachhilfe-Branche einen Boom bescherte. Sie profitiert vor allem davon, daß solche Institute fast jeder gründen kann, der einen guten Zweck verkündet. Eine Autowerkstatt muß strengeren Kriterien genügen, will sie nicht ihre Zulassung verlieren. Warum Kinder weniger schützenswert sind als Autos, ist ein Rätsel. Rh

Quelle: F.A.Z., 02.08.2006, Nr. 177 / Seite 29
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