02.04.2006 · "Achtung, der Deutsch-Grundkurs der elften Klasse ist nun zum Eintritt ins Klassenzimmer A 312 bereit. Bitte gehen Sie unverzüglich zur Sicherheitsschleuse in Halle A. Handys, Laptops, MP3-Player, Stichwaffen, Schlagringe sowie Nagelscheren ...
"Achtung, der Deutsch-Grundkurs der elften Klasse ist nun zum Eintritt ins Klassenzimmer A 312 bereit. Bitte gehen Sie unverzüglich zur Sicherheitsschleuse in Halle A. Handys, Laptops, MP3-Player, Stichwaffen, Schlagringe sowie Nagelscheren und -feilen sind unverlangt beim Sicherheitspersonal abzugeben. Die Schleuse schließt in fünf Minuten!" - So hat man sich den Schulalltag bislang nicht vorgestellt, aber bitte, die Schüler haben es nicht anders gewollt. Pornos und Gewaltvideos haben sie sich auf ihre Handys geladen, echte Enthauptungen aus dem Tschetschenien-Krieg, eine Frau, die vom Zug überrollt wird, dazu jede Menge harten Sex, je extremer, desto cooler. Die Folgen: Mißhandlungen von Mitschülern, Psychofolter von Kindern, Albträume. Wer hätte gedacht, daß die Schüler nicht nur zu den "wilden Fußballkerlen" oder zur "Sendung mit der Maus" surfen? War nur gut gemeint, das Foto-Handy schon in der Grundschule, zur Sicherheit, damit Bescheid gegeben werden kann, wenn mal wieder wegen des notorischen Lehrermangels die fünfte und sechste Stunde ausfallen. Und jetzt so was: Polizeischutz am Pausenhof, Durchsuchungen vor Betreten des Schulhauses, Beschlagnahmung von Handys. Folgen? Mangels Strafmündigkeit keine. Die Bayerische Staatsregierung hat prompt reagiert und ein Nutzungsverbot für Mobiltelefone an Schulen erlassen. Sollten zunächst Ausnahmen möglich sein - bei Krankheit, Unterrichtsausfall, Schulbusverspätung -, heißt es jetzt: Handy mitbringen ja, einschalten nein. Daß ein piepsendes Telefon im Unterricht nichts zu suchen hat, versteht sich. Aber die Lehrerverbände schreien: Dialog statt Verbot! Wo bleibt die Autorität der Lehrer? Wer soll es kontrollieren? Ja, wer wohl? Die Staatsdienstleister, denen man das Pädagogische systematisch austreibt. Das neue Schulbüchergeld müssen sie auch schon eintreiben. Die Technischen Universitäten wurden soeben angewiesen, ihre Diplomstudenten zum Lehramt zu überreden. Ist auch zeitgemäßer, Techniker verstehen wenigstens was von Handys. Und vom Innenleben der Sicherheitsschleusen, die demnächst eine Private Bavarian Security Agency anbieten wird, deren Personal sich aus ehemaligen Sportlehrern rekrutiert, die wegen Burn-out-Syndroms den Schuldienst verlassen haben - und sich jetzt mal richtig gegenüber den Schülern positionieren können. Es ist die alte Strauß-Schule, die der Landesvater hier vorexerziert. So wie es Hausbesetzungen offiziell in Bayern nie gab, gibt es auch heute kein Gewaltproblem: Es wird einfach verboten. Überschnelle, wild entschlossene Politikdarstellung kennzeichnet die Spätphase der Regierung Stoiber - streichen, verschleudern, verbieten. Ein Staat, der mit seinem Nachwuchs nur noch auf dem Verordnungsweg umzugehen vermag, kann genausogut bei nächster Gelegenheit als Schuluniform Lederhose und Dirndl (wahlweise mit Kopftuch) anordnen. hhm