Home
http://www.faz.net/-gqz-qtuy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Feuilleton Grabenspringer

25.08.2005 ·  Die Leipziger Schule ist derzeit Kult. Nicht so sehr die alte der Heisig, Mattheuer und Tübke oder die der zweiten Generation, der Stelzmann, Gille oder Rink. Was heute auf dem internationalen Kunstmarkt Furore macht, ist eine spielerisch ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Leipziger Schule ist derzeit Kult. Nicht so sehr die alte der Heisig, Mattheuer und Tübke oder die der zweiten Generation, der Stelzmann, Gille oder Rink. Was heute auf dem internationalen Kunstmarkt Furore macht, ist eine spielerisch mit Figuration und Abstraktion hantierende Malerei, die als "Neue Leipziger Schule" wie ein Markenname gehandelt wird. Wenn der Markt brummt, die Bilder des Hauptprotagonisten einer ebenso intelligenten wie im besten Sinne rätselhaften Durchlöcherung der eigenen Tradition aber knapp sind, tummeln sich in seinem Rücken zwangsläufig Epigonen und Trittbrettfahrer. Neo Rauch hat das nie aus der Ruhe bringen können. In einer solchen Situation ist es - im Sinne einer Verstetigung der Entwicklung und einer Fortsetzung der Tradition über alle Brüche hinweg - ein besonderes Signal, daß sich Rauch nun entschlossen hat, einen Ruf an die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst anzunehmen, wo er die Nachfolge von Arno Rink antritt. Rauch, Jahrgang 1960, hat sich lange Jahre mit guten Gründen gegen die Berufung gesträubt, die ihm immer wieder angetragen wurde. Denn bei Rink - später dann bei Bernhard Heisig - hat er selbst von 1981 bis 1986 Malerei studiert, und bei Rink war er fünf Jahre lang Assistent. Nun schließt sich also der Kreis. Neo Rauch, ein Meister der Verschachtelungen des Bildfeldes, verschachtelt von nun an die Tradition der Leipziger Malerei auch als Lehrer. Dabei hat er - vom Areal der alten Leipziger Baumwollspinnerei aus, die erst im Frühjahr zum neuen Kunstareal mit Galerien und Ateliers umgebaut wurde - fast im Alleingang die Auffrischung und Umwidmung der Leipziger Schule zu einer wenigstens halben Westkunst geschafft. Neo Rauch stellt sich also nicht erst jetzt in den Dienst der Leipziger Kunst, deren Tradition er freilich nie einfach prolongiert, sondern stets im Bild reflektiert hat - in der Hauptsache mittels jener ästhetischen Brüche, die er der Ideenkunst und den monumentalen Geschichtspanoramen seiner Vorgänger eingefügt hat. Rauch hat die eigene Tradition gleichsam aus Notwehr durchlöchert. Wer seine ruhige und abwägende Art kennt, wer weiß, wie gut er sich bislang - trotz allen Erfolgs - abzuschirmen wußte von den Rummelplätzen der Kunst mit all ihren Verlockungen zum Oberflächlichen und Kurzfristigen, der wird nicht daran zweifeln, daß ihm auch als Lehrer Erfolg beschieden sein wird. Des an Kunstakademien und bei berühmten Künstlern oft genug um sich greifenden Klonens der eigenen künstlerischen Geste wird er sich zu erwehren wissen, als Professor womöglich sogar leichter als bisher. Ob die Anforderungen der Lehre die Fortentwicklung seines eigenen Werks beflügeln oder im Gegenteil einschränken werden, bleibt abzuwarten. Daß seine Malerei den tiefen ideologischen Graben zwischen Ostmalerei und Westkunst mit List und leichter Hand übersprungen hat, läßt für die Neue Leipziger Schule hoffen. tw

Quelle: F.A.Z., 26.08.2005, Nr. 198 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3