10.05.2006 · Gerade hat eine Agentur namens "Zukunft Kino Marketing" Zahlen veröffentlicht, wonach der Zuschauerrückgang des vergangenen Jahrs nicht nur gestoppt, sondern der Trend umgekehrt wurde. Achtzehn Prozent Besucherzuwachs in den ersten ...
Gerade hat eine Agentur namens "Zukunft Kino Marketing" Zahlen veröffentlicht, wonach der Zuschauerrückgang des vergangenen Jahrs nicht nur gestoppt, sondern der Trend umgekehrt wurde. Achtzehn Prozent Besucherzuwachs in den ersten vier Monaten gegenüber dem Vorjahr, immerhin sechs Prozent gegenüber dem starken Kinojahr 2004. Dazu gesellen sich wieder andere Zahlen, wonach zwar die Besucherzahlen europaweit 2005 um elf Prozent zurückgingen, aber in der EU fast achthundert Filme produziert wurden, siebenundzwanzig mehr als im Vorjahr.
Mitten in dieses Auf und Nieder der Zahlen, Daten, Fakten meldet sich der Kollege Hanns-Georg Rodek in der "Welt" und schreibt: "2006 ist dem deutschen Kino, was 1939 für das Weltkino war." Holla! Tatsächlich besteht unter Fachleuten Einigkeit, daß in keinem Jahr mehr große Filme entstanden sind als 1939, in Hollywood zumindest: "Vom Winde verweht", "Der Zauberer von Oz", "Der Glöckner von Notre-Dame", John Fords "Stagecoach", Lubitschs "Ninotschka", Cukors "The Women", Capras "Mr.Smith Goes to Washington"... Daß er eine kühne These schwingt, weiß Rodek natürlich selbst, aber im Vorfeld des Deutschen Filmpreises steigt das Fieber eben auch auf Berliner Redaktionsfluren. Tatsache ist, daß auch Journalisten nach langen Jahren der Frustration froh sind, den deutschen Film mal wieder bejubeln zu können, sei es anläßlich der Berlinale, sei es zur Jahresernte beim Filmpreis. Beklatscht wird die Bandbreite zwischen Ehrgeiz und Mainstream, Anspruch und Klamauk, mit der sich das deutsche Kino diesmal präsentiert. Und ganz gleich, wie man zu den einzelnen nominierten Filmen steht, so läßt sich wirklich sagen, daß sie genau jene Mittellage repräsentieren, nach der man sich hierzulande lange gesehnt hat.
Das klingt etwas despektierlich, meint aber gerade jene Art von Filmen, bei denen man nicht gleich befürchten muß, daß es sich um Einzelfälle handelt. Also eine gesunde Mischung von Regisseuren, die nicht schon nach ihrem zweiten Film das Handtuch werfen mußten, und Newcomern. Das Problem des deutschen Kinos war ja lange, daß es zwar beachtliche Erstlinge gab, aber der ausbleibende Erfolg des zweiten Films die Regisseure dann gleich ans Fernsehen durchreichte. Natürlich ist die Trennlinie bei uns nicht so scharf, aber es bedeutet eben doch etwas anderes, sich auf dem Kinomarkt auf Dauer durchzusetzen. Im Fernsehen können noch so tolle Filme entstehen, im Kino noch so anspruchsvolle Werke laufen - eine gesunde Filmindustrie braucht Produktionen, die von einer ausreichenden Mehrheit gesehen werden. Für "Das Leben der anderen" und "Sommer vorm Balkon" gilt das, für "Requiem", "Komm näher" und "Knallhart" schon nur noch mit Einschränkungen. Es kann nicht jedes Jahr 1939 sein. MICHAEL ALTHEN