Als die französische Polizei in das jüdische Haus in Paris eindrang, stieß die Mutter ihren Sohn in den Schrank und gab ihm ein letztes Wort mit: „Pssst!“ Der Sohn hielt sich daran und überlebte, während Eltern und Geschwister deportiert und ermordet wurden. Raymond Federman, den vor siebenundsechzig Jahren sein Schweigen gerettet hat, emigrierte in die Vereinigten Staaten – und wollte nie wieder schweigen.
So wurde er Schriftsteller, und zwar einer der aufregendsten des zwanzigsten Jahrhunderts, in seiner Experimentierfreude dem bewunderten Freund Samuel Beckett ebenbürtig. Hätte nicht die Postmoderne alle Einheit und Ganzheit aufgelöst zugunsten von Mehrstimmigkeit, Aporien und Traumlogik, Federman hätte es auf eigene Faust getan. Sein Œuvre ist ein kreuz und quer verstrebtes Gesamtkunstwerk voller Witz und Tücke, das immer wieder auf die eine Urszene zurückkommt, den Moment des Schweigens im Schrank, die zweite Geburt im Anblick der Vernichtung seiner Welt.
Man wird sich an ihn erinnern
Das Unfassbare fassen zu wollen, ist jedoch keineswegs die Sisyphosarbeit eines Traumatisierten, ist nicht scheiternde Bewältigung, sondern ein großangelegtes Unternehmen gegen das Vergessen, ein wirkungsvolles, lebendiges Mahnmal. Wie weit entfernt ist das zum Beispiel vom krakeelenden Gedenkgewerbe eines Wolfram Kastner, der schon als Papst neben einem Hitler-Darsteller durch München lief und dieser Tage für die Verhüllung des Münchener Friedensengels über der Isar mit einem Tarnnetz streitet. Geht es noch einfältiger?
Wie wird das sein, wenn die Generation Federmans nicht mehr da ist? Wird sie dem immer schneller um sich greifenden Vergessen bald selbst zum Opfer fallen? Der einundachtzigjährige, schwerkranke Raymond Federman hat sich das jüngst in seinem Blog nicht nur gefragt, er hat auch geantwortet – und damit nebenbei eine neue literarische Gattung erfunden: den Vorruf, einen prospektiven Nachruf auf sich selbst. Wieder treten verschiedene Stimmen in einen Dialog, unterhalten sich über den Davonzugehenden, seine Abneigung gegen Satzzeichen und seinen unstillbaren Appetit auf Crème Caramel, schließlich über seinen Nachruhm. Und da sind sich alle Alter Egos einig: „Keine Frage, man wird sich an ihn erinnern.“ Ja, dieser Schriftsteller sei dazu bestimmt, postum richtig berühmt zu werden. Nötig wäre es, bevor alle Erinnerungen mit Tarnnetzen verhüllt sind.