Plötzlich bleibt der Zug stehen. Es ist Freitag, der 9. November im ICE von Frankfurt nach Berlin, kurz vor Spandau, irgendwo an der früheren Zonengrenze. Gerade hat man in den Zeitungen die Themen des Tages - Bahnstreik, Jahrestag des Mauerfalls - durchstudiert, da kommt die Durchsage: Die Weiterfahrt werde sich "auf unbestimmte Zeit" wegen einer "Streckensperrung" verzögern, "Informationen über Anschlusszüge" werde man aber "rechtzeitig" und so weiter. Die Mitreisenden raten: Etwa ein ominöser "Personenunfall"? Oder hat einen nun doch die GDL erwischt? Dumm, wenn man jetzt hinter einem Güterzug stünde. Eine Stunde vergeht. Neue Durchsagen präzisieren, dass es sich um einen "Stromausfall" handle. Wer mag da wohl den Stecker gezogen haben? Dann bittet die Zugchefin überflüssigerweise um "Aufmerksamkeit": Der Zug werde nun bis zum nächsten "Haltepunkt" fahren und dort einen "Lokführerlotsen" an Bord nehmen. Ein Lotse für Lokführer? Ist das so etwas wie ein Streikbrecher? Und kann der dann auch ohne Strom? Ein Fahrgast empört sich bei der Schaffnerin: Das sei doch ein Witz, er habe immer gedacht, Lokführer müssten nur Signalen folgen, die Weichen würden doch hoffentlich woanders gestellt. Das sei richtig, belehrt sie ihn, aber Signale gebe es eben solche und solche. Vor allem zwischen Ost und West würden die sich total unterscheiden, und da könne ein Westlokführer nicht einfach so auf Oststrecken fahren. Der Mann ist nicht zu beruhigen; die stoische Schaffnerin kann immer nur auf die Zeitgeschichte verweisen: Bei der Reichsbahn sei es nun einmal anders. Bis zusammenwächst, was zusammengehört, braucht es Zeit. Der Zug nimmt derweil Kurs über Potsdam und irgendwelche Zonenrandgebiete, die drei westlichen Sektoren Berlins werden jedenfalls großräumig umfahren. Zum Glück liegt der neue Hauptbahnhof fast auf DDR-Gebiet, den findet der Lotse leicht. Die Verspätung summiert sich inzwischen auf fast zwei Stunden, im Zug wurde inzwischen wohl so manche deutsch-deutsche Bekanntschaft geschlossen, vielleicht auch Freundschaften oder Ehen gestiftet oder ein Kind gezeugt. Irgendwann wird auch das volljährig sein und seine nicht vorhandenen Erinnerungen an die DDR erzählen dürfen, wie so viele vom Jahrgang 1989 in diesen Tagen. Vielleicht ist die Einheit der Bahn dann ja vollendet, wenn auch die Tarifeinheit längst auf dem Müllhaufen der Geschichte liegt. Aber dann kann man immerhin noch vom 9. November 2007 erzählen, der Nacht, als der Strom ausfiel und sich die Fahrtrichtung änderte und die Grenze wieder dicht war. rik