05.12.2006 · Lektüre im Gefängnis ist ein probates Mittel vieler Häftlinge, Zeit totzuschlagen. Und Raffaele Cutolo hat sehr viel Zeit, seit er 1979 zu achtmal "lebenslänglich" verurteilt wurde. Theoretisch verbringt der einstige Boß der neapolitanischen ...
Lektüre im Gefängnis ist ein probates Mittel vieler Häftlinge, Zeit totzuschlagen. Und Raffaele Cutolo hat sehr viel Zeit, seit er 1979 zu achtmal "lebenslänglich" verurteilt wurde. Theoretisch verbringt der einstige Boß der neapolitanischen Camorra im Hochsicherheitstrakt von Novara seine acht abzusitzenden Leben in strenger Isolationshaft, damit er nicht aus der Zelle weiter die Geschicke der "Cupola" steuern kann. Aber ganz so isoliert, daß er nichts vom Camorra-Bestseller des Autors Roberto Saviano mitbekommen hätte, verbringt Raffaele Cutolo seine Tage denn doch nicht. Und bei der Lektüre ist dem ergrauten Boß Beunruhigendes aufgefallen: Saviano beschuldigt ihn eines Mordanschlags, bei dem im Jahr 1982 der Richter Alfonso Lamberti gemeint war, aber dessen zehnjährige Tochter Simonetta mit Schüssen ins Gesicht umgebracht wurde. "In meinem Leben habe ich vielen Personen viel Böses angetan", teilt Cutolo jetzt über einen seiner Anwälte der Öffentlichkeit mit, "doch mich zu beschuldigen, einem Mädchen ins Gesicht schießen zu lassen, ist eine Lüge, die ich nicht akzeptieren kann." Außenstehende sind versucht zu urteilen: Wer wegen vielfachen und grausamen Mordes verurteilt ist, dem könnte eine zugeschriebene Tat mehr oder weniger eigentlich egal sein - doch eine solche Pauschalethik gilt nicht innerhalb des genau geregelten Ehrenkosmos der Camorra. Hier kann ein blutiges Gemetzel durchaus ein Zeichen von unternehmerischer Dynamik und Führungsstärke sein, eine andere Tat - und sei sie ein "Kollateralschaden" wie der Tod der kleinen Simonetta - wirkt jedoch auch auf ausgebuffte Camorristen als Sakrileg. Gegen den Schriftsteller Saviano, der in seinem Buch genau diesen zynischen Moralkodex der Gangster bloßlegt, verteidigt der Boß nun seine verbliebene und offenbar gar nicht angekränkte Ehre - und zwar gerichtlich. Denn Cutolo erhebt ganz offiziell gegen Saviano Verleumdungsklage, was im rauhen Milieu von Neapel die Lage des Autors, der im Versteck und unter Polizeischutz leben muß, nicht gerade gemütlicher macht. Es sei niemals wegen des Todes von Simonetta Lamberti gegen ihn ermittelt worden, spielt sich Cutolo aus dem Gefängnis als Freund der Witwen und Waisen auf. Für Außenstehende wirkt die Entrüstung des Bosses als eine eher obszöne Buchkritik, für Saviano wird sie zu einer fatalen Frage der Ehre. dsch