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Glosse Feuilleton Dorf an der Düssel

15.03.2006 ·  "Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe." Klar, daß der Oberbürgermeister einer Stadt, die ihre Dichter zu solchen Liebeserklärungen ...

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"Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe." Klar, daß der Oberbürgermeister einer Stadt, die ihre Dichter zu solchen Liebeserklärungen hinreißt, ganz schön verwöhnt ist - zumal es sich bei dem Schriftsteller, der diesen Lobgesang anstimmte, nicht um einen drittklassigen Panegyriker oder PR-versierten Lohnschreiber, sondern um den bissigsten Spötter deutscher Zunge handelt. Gerade erst war das Stadtoberhaupt nach Paris geeilt, um an seinem Grab - denn er ist zum Glück schon hundertfünfzig Jahre tot - einen Kranz niederzulegen. Jetzt schallt es dem OB ganz anders entgegen: Der Krimiautor Horst Eckert, zufällig nicht in Düsseldorf geboren, aber dort lebend, wagt es nicht nur, den Verwaltungschef mit der Kurzgeschichte "Wege zum Ruhm" aufs recht grobe Korn zu nehmen, indem er grell dessen umstrittene Rolle beim Bau der örtlichen Sportarena beleuchtet und sich satirisch ausdenkt, wie die gedemütigte Stadt vielleicht doch noch Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft werden könnte. Nein, Eckert ist auch noch dreist genug, seine literarisch schlichte Story, die gerade in der Anthologie "Blutgrätsche" erschienen ist, zum Auftakt einer "Anstoß" betitelten Reihe in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei vorstellen zu wollen. Die Lesung ist bereits terminiert, der Flyer frisch gedruckt, eine Pressekonferenz, an der auch der OB teilnehmen will, anberaumt, da bekommt dessen Büro Wind vom Inhalt der Geschichte und sofort kalte Füße. Zwar heißt in "Wege zum Ruhm" das Stadtoberhaupt nicht Joachim Erwin, sondern Dagobert Kroll und hat auch keinen Bürstenschnitt, sondern einen Glatzkopf. Seine Manieren ("penetrantes Auftreten") aber räumen unter seinen Mitarbeitern auch den letzten Zweifel darüber aus, daß es sich um keinen Geringeren als ihren Vorgesetzten handeln muß, so daß der Autor ausgeladen und die Lesung abgesagt wird. "Wir behalten uns vor, in unseren Räumen zu veranstalten, was wir für richtig halten, Eckert kann überall sonst lesen, aber wir müssen seine Geschichte nicht transportieren", erklärt ein Stadtsprecher und gibt damit eine "Begründung", die allen kommunalen Kulturinstituten, vom Schauspielhaus bis zum Stadtteilzentrum, zur Denkhilfe gereichen kann. Die gerade angelaufene Kampagne, mit der sich Düsseldorf als weltoffene Stadt der Künste herausputzen will, steht so plötzlich auf einem ganz kleinkarierten Blatt, und es kann einem, wenn man, anders als Heinrich Heine im Pariser Exil, in der Nähe an Düsseldorf denkt, erst recht wunderlich zumute werden. aro.

Quelle: F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 35
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