Home
http://www.faz.net/-gqz-szqz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Feuilleton Die Gesten des Jacques Becker

13.09.2006 ·  Wenn man versuchen müßte, die Kunst eines Regisseurs in einer einzigen Szene einzufangen, dann könnte es im Fall von Jacques Becker, der morgen hundert Jahre alt geworden wäre, die folgende sein: Da verläßt der Gangsterboss Jean ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Wenn man versuchen müßte, die Kunst eines Regisseurs in einer einzigen Szene einzufangen, dann könnte es im Fall von Jacques Becker, der morgen hundert Jahre alt geworden wäre, die folgende sein: Da verläßt der Gangsterboss Jean Gabin in "Wenn es Nacht wird in Paris" ein Bistro, in dem er telefoniert hat, schiebt im Hinausgehen dem Wirt einen großen Schein über den Tresen, und statt Gabin nach draußen zu folgen, verharrt die Kamera auf dem Wirt, der den Schein verdutzt an seine Frau weiterreicht und sagt: "Solche Gäste sollten wir öfter haben." Und als wäre diese Vignette noch nicht genug, holt der Wirt einen Trichter unterm Tresen hervor, steckt ihn in die Weinflasche und gießt den Rest des Glases, das Gabin dort stehengelassen hat, zurück. Danach glaubt man alles über diesen Typen zu wissen, der im Film gar keine weitere Rolle spielt.

Diese Fähigkeit, mit wenigen Strichen Figuren am Wegesrand zu charakterisieren, zeichnete Jacques Becker ganz besonders aus, und als er 1960 nach nur dreizehn Spielfilmen starb, hinterließ er eine Lücke, die erst wieder Claude Sautet ausfüllte, der eine ähnlich meisterliche Ökonomie in der Figurenzeichnung besaß - und das, was Frieda Grafe einmal "die Beobachtung der typisch französischen Geste" nannte, die Becker bei Jean Renoir gelernt habe. Man könnte alle möglichen Filme heranziehen, die pfiffigen frühen wie "Antoine und Antoinette" oder "Falbalas" oder die berühmteren späten wie "Goldhelm" oder "Das Loch", aber nirgends wird dieser speziell französische Blick auf die Welt so deutlich wie in jenem Gabin-Film, der im Original "Touchez pas au grisbi" heißt. Denn natürlich böte sich bei der Geschichte um Gangster-Rivalität an, noch mal dem poetischen Realismus zu huldigen oder einen Film noir zu inszenieren. Statt dessen herrscht eine liebevolle Hinwendung zu einem Milieu, das viel bürgerlicher daherkommt, als man meinen möchte. Und obwohl Gabin nie verlegen ist, wenn es darum geht, Leute mit Ohrfeigen zur Räson zu bringen, überwiegt bei ihm eine Gemessenheit des Gehens, der sich das ganze Tempo des Films unterordnet. Schon am Anfang sitzt er im Nachtclub und entgegnet seinem Kumpan, der ihn zu einem weiteren Glas überreden will, das ganze Treiben gehe ihm ohnehin gehörig auf die Nerven und er habe keine Lust, nach Mitternacht Überstunden zu machen. Später, als er denselben Mann in seine geheime Wohnung bringt, zeigt Jacques Becker in einer wunderbaren Sequenz minutenlang, wie Gabin erst mal Teller auf den Tisch stellt, eine Flasche aufmacht, die Gänseleber aufschneidet und anschließend seinem Gast Bettwäsche, Handtücher und einen Pyjama herauslegt.

Die Szene ist für einen Gangsterfilm von geradezu aufreizender Harmlosigkeit, aber von dort führt ein direkter Weg zu den Ritualen eines Jean-Pierre Melville. Es hat also schon einen guten Grund, warum Becker einer der wenigen aus der Vätergeneration war, den die Nouvelle vague gelten ließ. Truffaut schrieb über eine Szene: "Sie bringt die Handlung nicht einen Schritt weiter, sie scheint vor allem da zu sein, um einen bestimmten Hauch nicht von Realismus, sondern von Realität zu vermitteln, es gibt sie aus Liebe zur Schwierigkeit." Es muß eben nicht immer alles einfach sein. malt

Quelle: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr