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Veröffentlicht: 22.06.2006, 17:15 Uhr

Glosse Feuilleton Dichters Freunde

Im "Gartenhaus" des Berliner Ensembles, in einem teilverglasten Flachbau hinter dem Theaterpalast, sitzen an diesem Vormittag drei Künstler und fünfzehn Journalisten. Angekündigt ist eine Pressekonferenz zum "Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke".

Im "Gartenhaus" des Berliner Ensembles, in einem teilverglasten Flachbau hinter dem Theaterpalast, sitzen an diesem Vormittag drei Künstler und fünfzehn Journalisten. Angekündigt ist eine Pressekonferenz zum "Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke". Die Künstler sind Käthe Reichel (Brecht-Schauspielerin, Autorin, Aktivistin), Rolf Becker (Fernsehschauspieler, zuletzt "Eine Robbe zum Verlieben") und Eckart Spoo (Publizist). Frau Reichel trägt vor. In der Einladung zur Pressekonferenz stand ihr Satz, die Nichtvergabe des Heine-Preises der Stadt Düsseldorf an Peter Handke sei "ein Angriff auf die Freiheit der Kunst, der energisch zurückgewiesen" werden müsse. Nun redet sie über Demokratie, das alte Athen und über Sokrates, der seinen Schierlingsbecher ausgetrunken habe, weil er "Freiheit ohne Wahrheit" nicht ertragen konnte. Die Freiheit heute in Deutschland, sagt sie im Brecht-Ton der Empörung, sei "an den Haken einer demokratischen Diktatur gehängt". Den Preis für Handke müsse man aus "dem Düsseldorfer Dreck auflesen". Dann ist Spoo an der Reihe, er erinnert an Frau Reichels Initiative "Ein Haus für Vietnam", durch die hundert Bauern ein Dach über dem Kopf bekamen - "und ein Schwein zum Ferkellegen!" ruft die Stifterin dazwischen -, und rügt die einseitige Berichterstattung der westlichen Medien im Kosovo-Krieg vor sechs Jahren. Was das alles mit dem "Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke" zu tun habe, fragt einer aus dem Publikum. Nun, sagt Spoo, es gebe "vergessene Opfer" im Kosovo und serbische Enklaven, für die etwas getan werden müsse. Jetzt spricht Rolf Becker. Er prangert die Website des Autors Henryk M. Broder an, der gegen Milosevic hetze, und einen "Welt"-Journalisten, der Handke mit Hamsun und Gerhart Hauptmann verglichen hat. "Man soll Handke hören!" ruft Becker in den Saal. Das Preisgeld, das Spendengeld der von Reichel, Spoo und Becker gegründeten Initiative "Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke", werde nach dem Wunsch des Dichters in eine serbische Enklave bei Prizren gehen. Aber der Dichter, wirft eine Publikumsstimme ein, habe doch abgesagt? Tatsächlich kann man auf dem beidseitig bedruckten Programmblatt der Preisaktivisten lesen, daß der Dichter ebendiesen Berliner Heine-Preis nicht haben will, daß er bereits am 10.Juni per Fax aus Spanien erklärt hat, er wolle "beiseitestehen" und die Ehrung "vorbeilassen" für eine Spende ins Kosovo. "Und, bitte, kein Preis oder Alternativpreis für mich." Macht aber nichts, sagt Becker, man müsse eben "Handke mal treffen", immerhin seien schon 18760 Euro auf das Preiskonto bei der Hamburger Sparkasse geflossen. "Freiheit, die ich meine!" schmettert Frau Reichel. Es ist schon spät. Der Reporter aber trinkt, bevor er geht, tapfer seinen Becher aus. Nicht mit Schierling. Mit Sprudel. kil

Glosse

Wer liest denn schon noch?

Von Kerstin Holm

Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 3 13

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