12.05.2005 · "Damals traf mich die volle Wut meiner Monomanie, und vergebens kämpfte ich gegen ihren seltsamen, unwiderstehlichen Einfluß. Unter den zahllosen Gegenständen der äußeren Welt hatte ich nur noch Gedanken für die Zähne.
"Damals traf mich die volle Wut meiner Monomanie, und vergebens kämpfte ich gegen ihren seltsamen, unwiderstehlichen Einfluß. Unter den zahllosen Gegenständen der äußeren Welt hatte ich nur noch Gedanken für die Zähne. Nach ihnen trug ich ein wahnsinniges Verlangen. Alle anderen Gegenstände, alle unterschiedlichen Interessen wurden von ihrer alleinigen Betrachtung aufgesogen. Sie, sie allein waren meinem geistigen Auge gegenwärtig, sie, in ihrer Einzigartigkeit, wurden zum alleinigen Inhalt meines geistigen Lebens. Ich betrachtete sie von jedem Gesichtspunkt, von jeder Seite aus. Ich studierte ihre Merkmale, ich sann über ihre Eigentümlichkeiten nach, ich grübelte über ihre Ähnlichkeit untereinander. Ich forschte nach den Veränderungen in ihrer Natur. Ich schauderte, als ich ihnen in meiner Vorstellung die Kraft zu fühlen zuschrieb, die Fähigkeit zum moralischen Ausdruck auch ohne den Beistand der Lippen. Von Mademoiselle Salle hat man sehr bezeichnend gesagt, daß alle ihre Schritte Gefühle seien, und von Berenice glaube ich viel ernsthafter, daß alle ihre Zähne Ideen seien. Ideen! Das war der idiotische Gedanke, der mich zugrunde richten sollte. Ideen! Deshalb begehrte ich sie so wahnsinnig. Ich fühlte, daß nur ihr Besitz allein mir jemals den Frieden, den Verstand zurückgeben konnte." Dem Erzähler von Poes Kurzgeschichte "Berenice" wird sein Wunsch nicht erfüllt. Seine letzte Erinnerung ist der Moment, als das Kästchen auf seinem Schreibtisch, von dem er die Augen nicht lösen konnte, zu Boden fiel und zersprang. Zahnarztwerkzeuge fielen heraus und "zweiunddreißig kleine, weiße und wie Elfenbein aussehende Substanzen". Manchem erschien die Leidenschaft monomanisch, mit der Lea Rosh siebzehn Jahre lang das Projekt eines Denkmals für die europäischen Juden Europas betrieben hat, und als sie am Tag der Übergabe von Peter Eisenmans Werk an den Bauherrn die Erklärung ihrer Leidenschaft zu geben versprach, die sie bislang immer für sich behalten habe, da nahm es das Publikum im Festzelt mit Bestürzung und Betretenheit zur Kenntnis, daß diese Erklärung die Form eines Zahns hatte - eines menschlichen Backenzahns, den Frau Rosh bei Dreharbeiten in einem Sandhaufen des Vernichtungslagers Belzec gefunden hat, seitdem bei sich trägt und nun in eine der 2711 Stelen des Denkmals eingelassen sehen möchte, mit Zustimmung, wie sie angab, des Künstlers. Daß Bundespräsident Köhler nach ihrer Rede aufsprang, um ihr die Hand zu geben, wird man als gutgemeinten Versuch sehen, die Peinlichkeit zu zerstreuen, nicht als Ausdruck spontaner Zustimmung zu einem Vorhaben, mit dem Frau Rosh auch ihre Mitstreiter überrascht hat. Mancher Berichterstatter ging zunächst mit barmherzigem Schweigen über die unerquickliche Episode hinweg, aber deutliche Worte von jüdischer Seite haben Frau Rosh nun in die unmögliche Lage gebracht, daß sie, die noch am Dienstag darauf hinwies, daß der Denkmalsplan eine Initiative "nichtjüdischer Deutscher" war, sich gegenüber den Sprechern der jüdischen Gemeinden als die bessere Auslegerin des jüdischen Religionsgesetzes aufspielt. Daß für die Mobilisierung der Öffentlichkeit jedes Mittel recht war, hätte man der Unbeirrbaren in der Atmosphäre allseitiger Dankbarkeit beinahe zugestanden - hätte sie nur nicht den Zahn aus der Tasche gezogen. Es stimmt traurig, daß Paul Spiegel sich die jüngste Aktion von Frau Rosh nur noch aus dem Streben nach "Medienwirksamkeit" erklären kann. Versuchen wir es noch einmal mit Barmherzigkeit: Die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden sei kein Akt des Fetischismus, und wir möchten nicht glauben, daß Lea Rosh den Verstand verloren habe. Ihre fixe Idee, mit der sie das Kuratorium der Denkmalstiftung nicht befaßt hat, betrachten wir hiermit als begraben. pba.