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Glosse Feuilleton Der Wunsch

 ·  Im ersten der 39 Kurzgedichte, die Martin Walser in seinem neuesten Buch versammelt, heißt es: "Wenn du kein Virtuose im Vergessen bist, verblutest du / auf der Intensivstation Erinnerung." Der Band trägt den Titel "Das geschundene ...

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Im ersten der 39 Kurzgedichte, die Martin Walser in seinem neuesten Buch versammelt, heißt es: "Wenn du kein Virtuose im Vergessen bist, verblutest du / auf der Intensivstation Erinnerung." Der Band trägt den Titel "Das geschundene Tier", und sein Inhalt legt ebenso wie der Hinweis im Klappentext, er gehöre zum "Persönlichsten, was Martin Walser bisher vorgelegt" habe, den Verdacht nahe, das arme Tier, von dem hier die Rede ist, sei der Autor selbst. Hier leckt ein lyrisches Ich seine Wunden, hier kreist einer, der viel ausgeteilt hat und viel einstecken musste, der bei aller Wehleidigkeit sich selbst nicht schonte, vor allem nicht, wenn er wild um sich schlug, hier kreist ein Berserker der Erinnerung um das Drama des Nichtvergessenkönnens, um Niederlagen und erlittenes Unrecht. Der Virtuose des Vergessens auf der Intensivstation Erinnerung? Das ist gut gewalsert, also glänzend zugespitzt und zugleich camoufliert. Denn Walsers Erinnerung liegt ja gar nicht auf der Intensiv-, sondern auf der Pflegestation, wo der Autor selbst sie hegt und pflegt, gehört sie doch zu seinem wichtigsten Kapital. Seine Methode, so hat Walser jetzt in einem Interview mit Blick auf seine Tagebuchaufzeichnungen gesagt, heiße: "Etwas so schön sagen, wie es nicht war." Ein Verfahren, das nicht ohne Folgen bleiben kann für die Wirklichkeit, denn sie ist nur selten so schön, wie Walser sie sagen könnte. Aus dieser Differenz zwischen dem Schönen, was er sagen kann, und dem weniger Schönen, was er beschreiben muss, was zu beschreiben er sich vorgenommen hat und also verpflichtet fühlt, erwächst vermutlich ein guter Teil der Walserschen Wut. Walser reagiert zwanghaft auf Zwänge. Zu seinem Freiheitsbegriff gehört auch die Freiheit, das Gegenteil dessen zu tun, was alle erwarten, für richtig halten oder sogar einfordern. Wenn Walser jetzt gegenüber dieser Zeitung und anderen Medien erklärt hat, er bedauere, dass er im Gespräch mit Ignatz Bubis vor neun Jahren "so verkrampft durch die Geschehnisse war", dass er die von Bubis zur Versöhnung ausgestreckten Hände nicht habe ergreifen können, ist daran nichts verklärt oder geschönt. Natürlich weiß Walser nicht erst seit heute, dass er damals falsch gehandelt hat. Dass er den achtzigsten Geburtstag nicht verstreichen lassen will, ohne Fehden beizulegen und Irrtümer zu bereinigen, ist dennoch keine Selbstverständlichkeit bei einem Mann wie ihm, der stets gern das Recht der Notwehr für sich in Anspruch genommen hat. Eines der letzten Gedichte des Bandes liest sich wie eine

Beschreibung der Begegnung mit Bubis: "Die Welt streckt die Hände her, / mir die Fesseln zu lösen. Ich habe, sag ich, / nur einen Wunsch: Gefesselt zu bleiben an / den schon immer unerfüllbaren Wunsch." igl

Quelle: F.A.Z., 20.03.2007, Nr. 67 / Seite 33
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