30.10.2007 · Wenn alles gutgeht, wird die chinesische Sonde Chang'e I heute die Erdsphäre verlassen und sich damit endgültig auf den Weg Richtung Mond machen. Seitdem die Mission letzte Woche pünktlich nach Abschluss des Parteitags gestartet ...
Wenn alles gutgeht, wird die chinesische Sonde Chang'e I heute die Erdsphäre verlassen und sich damit endgültig auf den Weg Richtung Mond machen. Seitdem die Mission letzte Woche pünktlich nach Abschluss des Parteitags gestartet war, wird die Öffentlichkeit über alle Eventualitäten, die zu ihrem Scheitern führen könnten, sorgsam auf dem Laufenden gehalten; eine Reality-Show gewissermaßen kosmischen Ausmaßes hält das Land und seine patriotischen Gefühle in Atem. Wie schon die bemannten Raumflüge in den Jahren zuvor hat auch Chang'e I ausgewähltes Liedgut mit an Bord, dreißig von Experten und in repräsentativen Umfragen ausgewählte Volkslieder sowie die Nationalhymne und, als Reverenz an Staatsgründer Mao Tse-tung, den Revolutionsklassiker "Der Osten ist rot". Kaum anders als bereits früher die Raumflüge der Sowjets und Amerikaner steht das Mondprojekt für einen universalistischen Anspruch: Die chinesische Kultur, heißt das, ist in der Lage, die Welt von außen zu betrachten, ja sogar, in ihrem Namen gefährliche Sachen dort draußen abzuwickeln. Dass der Wille dazu schon immer in ihr steckte, ist durch die uralte daoistische Legende belegt, die der Sonde ihren Namen gibt: Chang'e ist eine Unsterbliche, die auf dem Mond lebt, zusammen übrigens mit einem Hasen. Beim Mondfest gedenkt ihrer der gesamte chinesische Kulturkreis, so dass der Mondflug jetzt wie die Erfüllung des Traums erscheint, der in den nationalen Archetypen von jeher enthalten war. Doch noch anderes scheint darin verborgen zu sein. In einer der zahlreichen Varianten der Legende sind Chang'e und ihr Mann Houyi Unsterbliche, die eines Tages beim Jadekaiser in Ungnade fallen und zum irdischen Leben verdammt werden. Da dieses Dasein Chang'e schwer zu schaffen macht, begibt sich ihr Mann auf die Suche nach dem Elixier der Unsterblichkeit. Tatsächlich trifft er in den Kunlunbergen auf die Mutter des Himmels, die ihm die nötige Pille zur Verfügung stellt - nicht ohne ihm einzuschärfen, keinesfalls mehr als die Hälfte davon einzunehmen. Houyi schließt die Medizin in einer Schatulle ein und beschwört seine Frau, sie nicht zu öffnen. Doch Chang'e kann ihre Neugier nicht bezähmen; sie öffnet die Schatulle, verschluckt die ganze Pille und hebt dann wegen dieser Überdosis vom Boden ab, Richtung Mond. So gesehen, wäre der Mondflug eine Strafe für Vermessenheit. Das kollektive Unbewusste ist tückisch. Si.