23.03.2006 · Ist der Wochenzeitung "Die Zeit" bei ihren Feierlichkeiten zum sechzigjährigen Bestehen eine kleine Panne unterlaufen? Artikel früherer Ausgaben werden den nostalgischen Lesern derzeit zum Schnäppchenpreis auf CD angeboten, doch ...
Ist der Wochenzeitung "Die Zeit" bei ihren Feierlichkeiten zum sechzigjährigen Bestehen eine kleine Panne unterlaufen? Artikel früherer Ausgaben werden den nostalgischen Lesern derzeit zum Schnäppchenpreis auf CD angeboten, doch nun sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätte sich ein alter Artikel, einer aus dem Jahr 1979, in leicht gewandelter Form in die aktuelle Druckausgabe eingeschlichen, noch dazu unter dem Namen des Herausgebers Josef Joffe. Der hat seine journalistische Laufbahn zwar 1976 bei der "Zeit" begonnen, aber die Lobpreisung einer gesundgeschrumpften Gesellschaft verfaßte damals nicht er, sondern das Autorenduo Wolf-Rainer Leenen und Albrecht Müller. Was unter der Überschrift "Babys - der Rente wegen?" stand, liest sich heute nicht nur wie der Softwarecode für die kinderarme und zukunftsscheue Gesellschaft der Gegenwart, es hat seine Wirkung schon hinter sich und hat in genau dieser verhängnisvollen Weise funktioniert: Die Verfasser waren Weichensteller im Kanzleramt von Helmut Schmidt. Sie verunglimpften ein vorangegangenes "Dossier" der "Zeit"-Redaktion über die Kosten der Kinderarmut als Aufguß nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik, zeichneten eine Utopie von freien Autobahnen und weiten Naturparks, bejubelten Kinderlosigkeit als Ausdruck von Modernität. Knapp dreißig Jahre später jubelt Joffe als allerletzter weiter: "Kinderschwund - na und?" Zwar laden Exzesse des politisierten Kinderwunsches - wenn Ökonomen errechnen, wie viele Kinder zehn Euro mehr Kindergeld "bringen", wenn Sozialpolitiker mit Rentenformeln in die Schlafzimmer einmarschieren und wenn Beschwörungsshows für "Mehr Kinder" inszeniert werden - zur Zeit zu publizistischen Querschüssen ein. Doch Joffe, ein Militärexperte, der in Kriegszeiten gerne das Schlachtfeld in seinem Büro nachstellt, hat als Hobbydemograph nur einen Rohrkrepierer produziert. Die Behauptung, es gebe gar kein demographisches Problem, die Gesellschaft könne sich lustig gesundschrumpfen, war 1979 noch originell und falsch, heute, aufgewärmt wie die Reste eines Geburtstagsbuffets, ist sie nur noch schal: Nicht die Zahl der Deutschen ist das Problem, und niemand will für ein Viertes Reich wieder Mutterkreuze verleihen. Es geht um Zusammensetzung, Lebensbejahung und Erneuerungsfähigkeit einer Gesellschaft, in der bald auf jeden jungen Menschen zwei Betagte kommen. Diese Alten können noch so fit und engagiert sein und werden doch nicht in die Gesellschaft einbringen, was die nie geborenen Kinder einbringen würden. Wo die Jungen eine schwindende Minderheit werden, fehlt ihre Kraft, Wohlstand zu schaffen. Einmal in Gang, beschleunigt der Schwund sich selbst und wird unumkehrbar, weil potentielle Eltern fehlen. Demographen beschreiben die Kinderarmut deshalb als gigantische Investitionslücke. Das klingt nicht gerade schön - aber wie schön ist eine neue Welt, die ohne Kinder auskommt? csl.