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Glosse Feuilleton Der Brief der Zukunft

 ·  Abschalten tut gut. Heutet tut man das bei einstmals so selbstverständlichen Tätigkeiten wie der Gartenarbeit oder dem Briefeschreiben. Doch bei letzterem macht einem die Post neuerdings durch neue Anreize einen Strich durch die Rechnung.

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Dass man öfter mal „abschalten“ sollte, forderte schon Peter Lustig in der Kinderserie „Löwenzahn“. Dabei waren wir damals noch nicht ständig online erreichbar. Abschalten müssen hätte man nur den Fernseher. Oder den Backofen. Und selbst das fiel schwer. Heute würde man wohl mit einer entspannenden Tätigkeit abschalten (denn wer kann sich Untätigkeit noch leisten?). Gartenarbeit also. Oder jemandem schreiben. Und zwar einen richtigen Brief. Keine E-Mail.

Man hat etwas mit seinen Händen gemacht, womöglich einen Umschlag gebastelt und eine Marke draufgeklebt. Das tut gut, und der Empfänger freut sich. Leider haben wir die Rechnung ohne die Post gemacht: Sie hat in der Zwischenzeit ihre Bemühungen um die Briefkultur auf andere Kommunikationsmittel ausgedehnt. Briefmarken kann man selbst ausdrucken oder „Handyporto“ kaufen, eine SMS mit Zahlenreihe als Briefmarke. Immerhin wirft man, nachdem man den nächsten Briefkasten mit dem iPhone geortet hat, nicht das Handy ein, sondern den Brief oder die Postkarte, auf die man die Zahlen geschrieben hat.

Denn: „Eine persönliche Karte sagt mehr als eine SMS“, weiß die Post. Persönlich eintippen kann man seinen Brief auch online im „Schreibcenter“. Die Vorlagen reichen von Standardsituationen wie „Umzug“ und „Einladungen“ bis zu heikleren wie „Glückwünsche & Entschuldigungen“, falls man vor lauter Kurznachrichten vergessen haben sollte, wie man einen Brief schreibt. Ist gar nicht schwer. Man gibt den Brief in das vorbereitete Formular ein und kann seine Unterschrift als Bilddatei dazusetzen. Die Post übernimmt Ausdruck und Versand.

Der Brief der Zukunft? Mag sein. Aber ist da nicht ein Medium zu viel dazwischen? Ist der Witz an der Post nicht, dass es nicht nur um eine Nachricht geht, die man auch per SMS oder Tweet loswerden könnte, sondern um ein Arrangement auf Papier, das man selbst erstellt hat? Willkommen in der Diktatur des digital Möglichen mit ihren bevormundenden Produkten! Egal, wie viele eigene Bilder man als Briefmarke hochladen kann – eine Wahl oder gar Individualität wird immer nur vorgegaukelt. Geht das so weiter, wird man bald gar keine Briefe mehr schreiben können, wenn man abgeschaltet hat. Da hilft dann nur noch: Griffel weglegen und Brieftauben züchten.

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Von Nils Minkmar

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