18.05.2007 · Amerikanische Schnellrestaurants in sozialistischen Prunkbauten, Bankentürme mit glasglitzernden Fassaden, in deren Schatten fliegende Händler ihre armselige Ware auf dem Bürgersteig ausgebreitet haben: wer in Warschau unterwegs ist, gewöhnt sich schnell an grelle Kontraste.
Von Jörg ThomannAmerikanische Schnellrestaurants in sozialistischen Prunkbauten, Bankentürme mit glasglitzernden Fassaden, in deren Schatten fliegende Händler ihre armselige Ware auf dem Bürgersteig ausgebreitet haben: wer in Warschau unterwegs ist, gewöhnt sich schnell an grelle Kontraste. Auch auf der Buchmesse sind sie zu entdecken, obgleich auf den ersten Blick alles ganz normal wirkt. Unter den mächtigen Kronleuchtern des Kulturpalastes, dieses etliche Nummern zu groß geratenen Stalin-Präsents an die Polen, drücken Blumenmädchen in den Trachten des Gastlands Ukraine den Besuchern blau-gelbe Plastiktüten in die Hand; man stößt auf Altäre aus Büchern, errichtet zu Ehren des verstorbenen Reporterkönigs Ryszard Kapuscinski, und erkennt, dass die Geschichte des polnischen Papstes aus Sicht seiner Landsleute noch lang nicht zu Ende erzählt ist. Biegt man ab in den Korczak-Saal, steht man plötzlich vor Heinrich Himmler. Ein großformatiges Doppelporträt zeigt Himmler neben einem Mann, der sich als "in der Welt führender Experte für den Zweiten Weltkrieg" feiert: der britische Historiker David Irving. Himmler lächelt, Irving nicht. Nach Deutschland darf er nicht einreisen, in Österreich hat er gerade dreizehn Monate Haft abgesessen, in Warschau präsentiert er seine Werke gegenüber den bunten Kinderbüchern des Verlags "Hello Friends" im Korczak-Saal - benannt nach dem Arzt und Leiter des jüdischen Waisenhauses, der mit seinen Schützlingen im KZ Treblinka umkam. Mühsam erhebt sich Irving von seinem Stuhl; er ist dankbar dafür, ein paar Worte zu wechseln, auch wenn er aus dem Gesicht seines Gesprächspartners ablesen zu können meint, dass dieser "links" sei. Er nutze hier die Chance, "etwas die Fahne zu hissen", sagt Irving und preist Länder wie Polen oder Ungarn, die anders als Deutschland wirklich demokratisch seien. Er schimpft über seinen Anwalt im Wiener Prozess, klagt über die Kosten, die durch eine Buchmesse entstünden, und präsentiert stolz seine Broschüren, in denen er gegen die "Journaille" hetzt und sich als Opfer des "Weltjudentums" darstellt. Die Zeit in Polen habe er dazu genutzt, sämtliche Konzentrationslager zu besuchen, erzählt Irving. Was er dort entdeckt habe? Das könne er leider nicht sagen, weil ihm sonst wieder das Gefängnis drohe. Der Besucher zieht weiter und ist geneigt, fast ein wenig Mitleid zu empfinden für Irving, der einmal ein Jungstar seiner Zunft war und heute ein alter Mann, der Stunde um Stunde an seinem Büchertisch darauf wartet, dass ihn jemand anspricht. Als Gegenmittel empfiehlt sich ein Besuch seiner Homepage, auf der er seine Polen-Reise in typischer Weise verarbeitet. Zu sehen ist ein Foto, das Irving neben einem Stadtschild von Auschwitz zeigt. Die Bildunterschrift in englischer Sprache lautet: "Mr. Irving war in Auschwitz; überlebte." Am Tag darauf kommt die Nachricht, Irving müsse die Messe verlassen. Auch Polen ist keine Demokratie nach seinem Geschmack mehr.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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