29.08.2006 · Große Regisseure wie Hitchcock und Tarkowski haben davon geträumt, einen ganzen Tag im Leben einer Stadt zu verfilmen: vierundzwanzig Stunden Kino. Andere, kleinere, wie die ostdeutschen Dokumentaristen Winfried und Barbara Junge, ...
Große Regisseure wie Hitchcock und Tarkowski haben davon geträumt, einen ganzen Tag im Leben einer Stadt zu verfilmen: vierundzwanzig Stunden Kino. Andere, kleinere, wie die ostdeutschen Dokumentaristen Winfried und Barbara Junge, halten ganze Biographien auf Zelluloid fest; die Golzower Erstkläßler von 1962, denen das Ehepaar Junge seither mit der Kamera auf den Fersen ist, können inzwischen ihr eigenes Leben als Film genießen. Jetzt bekommt das Konzept der Junges einen sozusagen offiziellen bundesrepublikanischen Ableger. Per Pressemitteilung suchen die Stiftung "Dialog der Generationen" und das Deutsche Historische Museum in Berlin Teilnehmer an ihrem Biographien-Wettbewerb "Was für ein Leben!", der am kommenden Samstag im DHM feierlich eröffnet wird. Es geht darum, biographische Skizzen von Familienmitgliedern, Freunden oder vom Einsender selbst "als Beispiele für einen interessanten Lebenslauf" einzureichen. Interessant ist, wie das Wettbewerbsbüro mitteilt, eine Biographie, in der sich "Ereignisse der deutschen Geschichte einschneidend niederschlagen", "ein bestimmtes Milieu und sein Alltag sehr konkret deutlich wird" oder "eine beeindruckende persönliche Entwicklung stattfindet". Also das ganz besonders Normale. Und das ganz besonders Unnormale. Der Platz für die biographische Skizze im Antragsformular ist reichlich bemessen, man kann ein Leben darauf erzählen. Ein Peter Kohl könnte, wenn die Sache nicht schon reichlich abgefilmt worden wäre, die Erlebnisse seines Vaters, des Ex-Bundeskanzlers, als Zeitzeugenbiographie ins Rennen schicken. Und ein Enkel von Günter Grass die neuerdings wieder interessante Schlagschatten werfende Vita des Nobelpreisträgers. Aber an derartige Berühmtheiten richtet sich der Aufruf der Stiftung und des DHM sowieso nicht. Eher an jene, die froh sind, wenn sie von sich sagen können, sie seien irgendwo und irgendwann dabeigewesen, als irgend etwas geschah. Der Preis, den es zu gewinnen gibt, ist entsprechend karg bemessen: ein persönlicher, fünfundvierzigminütiger Lebensfilm im Wert von zehntausend Euro, gedreht von der auf Geburtstags- und Erinnerungsvideos spezialisierten Firma "ad.eo filmbiografien". Blasse sieben Tage sind für die Dreharbeiten (Interviews, Interieurs, Originalschauplätze) veranschlagt. Außerdem muß der Porträtierte damit einverstanden sein, daß sein Film "gegebenenfalls im Deutschen Historischen Museum und im Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen archiviert" wird. Gegebenenfalls! Ach, es gibt Wettbewerbe, an denen man für sein Leben gern nicht teilnimmt. kil