Vor zehn Jahren ist Daniel Goldhagens These vom "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen, der seit der Reformation im Volk verwurzelt gewesen und von Hitler bloß für seine Zwecke instrumentalisiert worden sei, über die hiesige Geschichtswissenschaft hereingebrochen wie ein Unwetter. Seither hat das öffentliche Interesse an Goldhagens Studie über "Hitlers willige Vollstrecker" merklich abgenommen, die provokative Kraft seiner Behauptungen aber ist geblieben. Interessanterweise kommt einer der neuen Forschungsansätze, die Goldhagen am entschiedensten widersprechen, wiederum von einem Amerikaner. Helmut Walser Smith, Professor für deutsche Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hat in seiner 2002 erschienenen Studie "The Butcher's Tale" einen Ausbruch von Antisemitismus im Jahr 1900 in einer westpreußischen Kleinstadt untersucht. Am Beispiel der rassistischen Unruhen in dem Ort Konitz, die durch den grausamen Mord an einem halbwüchsigen Jungen ausgelöst wurden, beschrieb Smith ein über Jahrhunderte gewachsenes sozial-religiöses Haßverhältnis, das weder ausgesprochen "eliminatorische" noch spezifisch deutsch-protestantische Züge trug. Bei einem Vortrag in der American Academy in Berlin, wo er sich zur Zeit als Stipendiat aufhält, untermauerte der amerikanische Historiker seinen Befund nun durch Überlegungen religionsgeschichtlicher wie linguistischer Art. Zumal im katholisch geprägten Süddeutschland und im Rheinland, argumentierte Smith, habe es im neunzehnten Jahrhundert einen seit dem Hochmittelalter tradierten alltäglichen Antisemitismus gegeben, der seine Virulenz auch aus kulturellen Zeugnissen der Judenverfolgung - Resten zerstörter Synagogen, wiederverwendeten jüdischen Grabsteinen, antisemitisch inspirierten Wallfahrten und den "Judenordnungen" einzelner Städte und Landschaften - bezogen habe. Allerdings sei die Bevölkerung weit davon entfernt gewesen, sich zu Pogromen wie im zaristischen Rußland hinreißen zu lassen. Vielmehr habe sich der Rassen- und Religionshaß als großflächiges "Theaterspiel der Verfolgung" inszeniert, in dem gewalttätige Sprache an die Stelle realer Gewaltausübung getreten sei. Dieses Handlungsmuster aber, so Smith, habe nicht für Deutschland allein, sondern für eine ganze Reihe westeuropäischer Staaten gegolten, so etwa für Frankreich, dessen Dreyfus-Affäre von Hannah Arendt als Musterfall des Antisemitismus in modernen Gesellschaften beschrieben wurde. Genau an diesem Punkt werden die Forschungen von Smith für die untergründig weiterschwelende Goldhagen-Debatte bedeutsam. Denn wo Goldhagen den Antisemitismus Luthers dazu benutzt, seine These vom deutschen Sonderweg hin zu Hitler rückwirkend zu zementieren, da reißt sein Kollege aus Nashville einen sozial- und religionsgeschichtlichen Horizont auf, der viel weiter zurückreicht. Das christliche Europa, zeigt Smith, hat sich spätestens seit den Kreuzzügen wesentlich durch seine Abgrenzung zum Judentum definiert, mit Wirkungen bis weit ins zwanzigste Jahrhundert. Hitlers mörderischer Judenhaß konnte sich auf einen älteren, kulturell geprägten Antisemitismus stützen. Dessen notwendige Konsequenz war er nicht. kil