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Glosse Feuilleton Das Korrektorat

15.03.2007 ·  Niemand will mehr politisch korrekt sein. Vielleicht gerade noch die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche; außerhalb dieses überschaubaren Kreises gibt sich, wer Korrektheit der Wortwahl fordert, sofort der Lächerlichkeit preis.

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Niemand will mehr politisch korrekt sein. Vielleicht gerade noch die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche; außerhalb dieses überschaubaren Kreises gibt sich, wer Korrektheit der Wortwahl fordert, sofort der Lächerlichkeit preis. Aber der Druck der sprachlichen Gehorsamserzwingung ist darum nicht geringer geworden. Wie sich in der langsamen biologischen Evolution manchmal Täuschungsmanöver bewähren - Tarnung erhöht die Überlebenschancen -, so ist es in der schnelleren Wandlung der Gesellschaft und ihrer Begriffe. Was vor drei, vier Jahren "politisch korrekt" hieß, heißt heute, in einer sinnreich-attraktiven Camouflage, "politisch inkorrekt". Komödianten wie Borat haben die Unkorrektheit als Stilmittel entdeckt, und in den Vereinigten Staaten hat Borat Dutzende von Nachahmern gefunden. Tatsächlich: Über Kasachen darf man nun lachen, vielleicht auch über ein kurzes Filmchen mit Arabern im Flugzeug, die in Kehllauten radebrechen. Die neuen Inkorrekten setzen in Wahrheit die politische Korrektheit voraus. Der deutschsprachige Weblog "Politically Incorrect", nach eigenen Angaben proamerikanisch und -israelisch, warnt vor dem "Islamofaschismus" und greift die Medien an, weil sie angeblich vor dieser Gefahr die Augen verschließen. Ein soeben erschienenes Buch mit dem Titel "Schöner Denken: Wie man politisch unkorrekt ist" verfolgt in Stichworten von A bis Z die gleiche Tendenz. Die Deutschen - gern nennt man sie in dem Buch auch "Germanen" - sind grün-pazifistische Träumer, "germanische Hobbits", die komischerweise nicht verstehen, warum zum Wohl des Ganzen nun einmal Lohnkürzungen nötig sind, und dafür bös-korrekte Worte wie "Sozialdumping" erfinden. Ansonsten ist Amerika das große Vorbild für alles Gute in der Welt, Kritik an den "Neocons" gilt als Ausweis deutscher Rückständigkeit, als Meinung von Leuten also, die sich in ihren Fachwerkhäuschen verschanzen wie der deutschnationale Opa im Kleingarten. Der Pazifismus ist, nach diesem Buch, erstens lächerlich und zweitens von Übel, weil er weitere Kriegseinsätze an der Seite der Vereinigten Staaten verhindert. So geht es, von "Antizionismus" bis "Zukunftsfähig", eins ums andere Mal gegen die Rest-Linke. Ein Begriff fehlt in der Sammlung: "Israel-Lobby". Aber der wäre politisch zu unkorrekt. L.J.

Quelle: F.A.Z., 16.03.2007, Nr. 64 / Seite 33
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