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Glosse Feuilleton Butterlose Kunst

25.10.2006 ·  Die Mode und Berlin, das war immer schon ein schwieriges Thema. Nicht nur, daß die Berliner, wie Wolf Jobst Siedler zu beklagen nicht müde wird, sich angeblich mit einer an Boshaftigkeit grenzenden Hartnäckigkeit weigern, Krawatten ...

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Die Mode und Berlin, das war immer schon ein schwieriges Thema. Nicht nur, daß die Berliner, wie Wolf Jobst Siedler zu beklagen nicht müde wird, sich angeblich mit einer an Boshaftigkeit grenzenden Hartnäckigkeit weigern, Krawatten anzuziehen - auch was an Mode aus Berlin kam, sah sehr lange eher eigenartig aus. Um das Jahr 1900 herum zum Beispiel hatte sich Harry Graf Kessler von einem schmalen, zwirbelbärtigen Herrn aus Belgien eine Wohnung in Berlin einrichten lassen, die so karg, unplüschig und frisch aussah, daß alle plötzlich eine derart moderne Wohnung haben wollten; der Gestalter aus Belgien eilte von Erfolg zu Erfolg und durfte sogar den Friseursalon des Herrn Haby modernisieren, welcher wiederum dafür berühmt war, daß er den Bart von Kaiser Wilhelm II. erfunden hatte. Kaum auszuhalten war für den belgischen Modernisten allerdings die Tatsache, daß die Frauen mit ihren Korsagen und Puffärmeln wie ironische Kommentare zu den Linien seiner modernen "Créations" durch diese marschierten - und deswegen, so erzählt es Walther Kiaulehn in seiner schönen Geschichte der Stadt Berlin, ging der Belgier unter die Modemacher und stopfte die Berliner Damen in sogenannte "Reformkleider", formlose, mit Lilien bestickte Samtsäcke, in denen die Frauen wie halbmoderne Dosen aussahen. Natürlich waren diese Kleider ein krachender Mißerfolg, und da half es auch nichts, daß der Belgier, der sie entworfen hatte, Henry van de Velde hieß und später aus anderen Gründen in die Kunstgeschichte einging. Trotzdem hat man es in Berlin immer wieder versucht mit der Mode, und gar nicht mal ohne Erfolg: Es gibt sehr gute Modemacher wie Kostas Murkudis, die hier leben, es gibt den ambitionierten Modeladen "The Corner", und es gab die Modemesse "Bread and Butter", die allerdings jetzt wegen Erfolglosigkeit abgesagt wurde, was allgemein als Tiefschlag für alle Ambitionen Berlins, doch noch Modemetropole zu werden, bejammert wird. Aber vielleicht braucht Berlin, um Modemetropole zu werden, auch gar keine Messe, zumal keine mit einem Namen, der eher nach einem überkandidelten Charlottenburger Feinkostladen klingt; vielleicht ist sie es schon längst, zumal die Berliner Kunstszene den Mode-Job nebenher besser miterledigt, als es eine Modemesse je könnte; wer die besten Krawatten des Landes sehen möchte, schaut den Besitzern der Galerie Neu an den Hals, Freunde von Leinenmode aller Art kommen in der Galerie Eigen & Art auf ihre Kosten, und daß sich der Pariser Dior-Chefdesigner und aktuelle Modeobergott Hedi Slimane zwecks Inspiration jahrelang durch die Ausstellungseröffnungen der Auguststraße trieb, wo er sogar eine Wohnung in den "Kunst-Werken" bezogen hatte, spricht auch dafür, daß der Modeglamour in Berlin längst von der Kunstwelt aufgesaugt wurde und zu seiner Ernährung weder Bread noch Butter braucht. nma

Quelle: F.A.Z., 26.10.2006, Nr. 249 / Seite 37
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