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Glosse Feuilleton Brutale Neapolitaner

26.06.2005 ·  Wie man mit der Polizei fertig wird, dafür gibt Vittorio de Sicas Filmklassiker "Fahrraddiebe" Nachhilfeunterricht: Als der Bestohlene und ein Carabiniere den Langfingern endlich auf die Spur kommen, formiert sich spontan der gesamte ...

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Wie man mit der Polizei fertig wird, dafür gibt Vittorio de Sicas Filmklassiker "Fahrraddiebe" Nachhilfeunterricht: Als der Bestohlene und ein Carabiniere den Langfingern endlich auf die Spur kommen, formiert sich spontan der gesamte heruntergekommene Wohnblock zur Abwehrfront: Muskulöse Männer im Unterhemd bauen sich vor dem Fahnder auf, freche Kinder sorgen für Verwirrung, am Schluß humpelt die alte Mutter weinend auf die Straße und beklagt das Unrecht der Welt, die ihrem ehrenhaften Söhnchen immer wieder zu Unrecht ans Leder will. Die Staatsgewalt zieht tatenlos ab. Man könnte voreilig meinen, die Taktik des sozialen Frontalangriffs gegen die Polizei sei seit den Zeiten des Schwarzweißfilms aus der Mode gekommen. Erfreute sich nicht sogar Neapel eines guten Rufes als einer modernisierten, sicheren Stadt, wo man sich inzwischen sogar ab und zu an die Verkehrsregeln hält? Seit der aufkommenden Camorra-Gewalt, die in den letzten beiden Jahren zu annähernd zweihundert Morden geführt hat, ist das nur mehr Nostalgie. Die Täter, das weiß in Neapel jedes Kind, verbarrikadieren sich beim Drogenhandel in den robusten Wohnblocks des Neubauviertels Scampia, geschützt von Kinder-Wachtposten, freigehaltenen Fluchtwegen und einer undurchdringlichen Omerta. Dies Gesetz des Schweigens hat freilich nicht verhindern können, daß sich unter den Neapolitanern inzwischen die Allmacht der Kriminellen gründlich herumgesprochen hat. Als vor einigen Wochen ein Schwager von Dario Fo auf dem Heimweg von seiner Bank erschossen und einer mittleren Geldsumme beraubt wurde, geriet die Tat nur mehr wegen der angeheirateten Prominenz des Opfers in die Schlagzeilen. Zu alltäglich ist die blutige Gewalt im Schatten des Vesuvs. Nun melden sich Polizeichef und Präfekt der malträtierten Stadt mit der Klage zu Wort, viele Bürger, ja ganze Viertel stünden offen auf seiten der Gesetzesbrecher - ähnlich wie in de Sicas Film vor über fünfzig Jahren. Anlaß zum Notschrei geben Vorfälle, bei denen die Polizei derzeit im Wochenrhythmus Spießruten gegen die Bürger laufen muß, für deren Sicherheit sie doch eigentlich auftritt. Erst diese Woche blieben zwölf Beamte verletzt zurück, als sie zwei Mopeddiebe in der Nähe von Neapels Hauptbahnhof zu stellen versuchten. Sogleich wurden sie von Anwohnern, vorzugsweise Frauen und Kindern, mit Steinen und vollen Flaschen beworfen, Ragazzi knüppelten auf die Polizisten ein. Am Ende gab es eine Straßenschlacht mit über zweihundert Neapolitanern, die die Polizei nur mit schwerster Verstärkung in Schach halten konnte. In anderen Fällen schütteten Frauen filmreif Seife auf die Straße, um die Polizisten zu Fall zu bringen, oder es bildeten sich gut organisierte Straßensperren aus Kinderleibern, hinter denen die Gangster bequem das Weite suchen konnten. Inzwischen hat Neapel die größte Polizistendichte Europas, doch kommt der Staat gegen eine gute Million Einwohner nicht an, wenn die sich erst einmal mehrheitlich auf die andere Seite geschlagen haben. Bei de Sica glaubt sich der Kinobesucher mit ethnographischen Aufnahmen von krimineller Solidarität konfrontiert - archaischen Riten von feudalem Zusammenhalt, der von der Armut lebt und in der individualisierten Konsumgesellschaft zwangsläufig auseinanderfallen muß. Doch das Neapel von heute beweist: Das Gewaltmonopol des Staates steht auf ganz dünnen Beinchen. Und die "Fahrraddiebe" haben das Zeug zur Science-fiction. dsch

Quelle: F.A.Z., 27.06.2005, Nr. 146 / Seite 33
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