18.08.2006 · Die Dresdner Kombattanten im Streit um den Bau der Waldschlößchenbrücke, die den Welterbestatus des dortigen Elbtals bedroht, scheiden sich in zwei Gruppen. Die einen spazieren am Wochenende über die Elbauen zum "Blauen Wunder", ...
Die Dresdner Kombattanten im Streit um den Bau der Waldschlößchenbrücke, die den Welterbestatus des dortigen Elbtals bedroht, scheiden sich in zwei Gruppen. Die einen spazieren am Wochenende über die Elbauen zum "Blauen Wunder", der berühmten Stahlbrücke, die im Osten der Stadt Loschwitz mit Blasewitz verbindet. Die anderen stehen unter der Woche mit ihren Autos auf ebenjenem "Blauen Wunder" im Stau. Die Spaziergänger sind die Brückenbaugegner, denn die Waldschlößchenbrücke - den Entwürfen nach zu urteilen ein veritables "Graues Wunder" - würde ausgerechnet den breitesten Streifen der Elbauen zerteilen. Die Autofahrer sind die Brückenbaubefürworter, denn die neue Flußquerung soll im erheblichen Dresdner Berufsverkehr Entlastung schaffen. Da es hier wie überall in Deutschland mehr Autofahrer als Spaziergänger gibt, obsiegte die brückenfreundliche Partei beim Bürgerentscheid von 2005. Nun sind rabiate Umgangsformen kein Privileg von Herren am Volant, sondern auch Lustwandler kämpfen zuweilen mit harten Bandagen: Ihr nachträglicher Protest bei der Unesco bewies es. Denn der Welterbestatus, ausdrücklich verliehen für die Kulturlandschaft des Dresdner Elbtals, also für natürliche Schönheit in menschlicher Gestaltung, war durchaus in Kenntnis des Bauvorhabens am Waldschlößchen zugesprochen worden. Was allerdings niemand bei der Unesco gesehen hatte, waren die tatsächlichen Baupläne. Und deshalb war das Nachtreten der Brückengegner zwar ein Foul, aber auch ausgleichende Gerechtigkeit - und ein Albtraum für Propagandisten des Dienstwegs wie jene zwei Vertreter des in Cottbus angesiedelten Fachs "World Heritage Studies" (ja, auch das kann man studieren), die gestern in der "Süddeutschen Zeitung" die noch ungebaute Brücke als "wenig störend" einschätzten. Die beiden Herren werden wohl mit dem Auto aus Cottbus angereist sein, sofern sie die Elbauen überhaupt jemals betreten haben. Wenigstens der Dresdner Regierungspräsident aber sollte irgendwann einmal die Elbe entlangspaziert sein und müßte wissen, was hier auf dem Spiel steht. Gleiches gilt für all die Landes- und Kommunalpolitiker von CDU und FDP, die sich nun in bester Dresdner Großmannstradition, über die im restlichen Sachsen schon seit Jahrhunderten gespottet wird, gegen die "Erpressung" der Unesco verwahrt haben. Was soll man von Regierenden halten, die offenbar all ihr etwaiges Gespür für Schönheit und Lebenswert fahrenlassen, wenn es um die Einhaltung des Dienstwegs geht? Daß dabei jedes Hindernis einfach überbrückt wird, mag deren Sympathie für das Bauvorhaben zusätzlich befeuert haben. Nun ist ein neuer Bürgerentscheid im Gespräch. Bis dahin könnten ein paar Autofahrer ihre Füße erproben. Oder ein paar Politiker ihren Verstand. apl