Home
http://www.faz.net/-gqz-sfyk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Feuilleton Auf dem Wertemarkt

23.04.2006 ·  Bischöfin Margot Käßmann mußte sich sehr wundern. Nach Ereignissen wie denen an der Berliner Rütli-Schule, so liest man in einem Beitrag des Evangelischen Pressedienstes auf der Internetseite der Landeskirche Hannovers, werde regelmäßig der Ruf nach Werten laut.

Artikel Lesermeinungen (0)

Bischöfin Margot Käßmann mußte sich sehr wundern. Nach Ereignissen wie denen an der Berliner Rütli-Schule, so liest man in einem Beitrag des Evangelischen Pressedienstes auf der Internetseite der Landeskirche Hannovers, werde regelmäßig der Ruf nach Werten laut. Wenn sich die Kirchen, so die Bischöfin, dann aber als Anbieter auf dem Markt der Werte präsentierten, sei die Angst groß, daß christliche Werte oktroyiert würden. Käßmann hatte sich anläßlich der Vorstellung des katholisch-evangelisch-staatlichen "Bündnisses für Erziehung" eine starke Rolle der christlichen Kirchen als "Anbieter" auf ebenjenem "Markt der Werte" gewünscht und sich zugleich über die einsetzende Kritik daran befremdet gezeigt - schließlich meint man es gut. Die Phrase vom "Markt der Werte" ist nicht ganz neu, aber nun ist die Gelegenheit günstig, sie sich einmal gewissermaßen auf der Zunge zergehen zu lassen. Bleibt die Ankündigung der Ministerin von der Leyen in puncto Erziehungsbündnis reichlich nebulös - "Bausteine aus der Praxis für die Praxis" -, so wird Bischöfin Käßmann hinsichtlich der für die christliche Bildungsinitiative zu wählenden Methode konkret: Nach marktwirtschaftlichen Strategien also ist die Wertevermittlung der beiden christlichen Kirchen zu organisieren. Man könnte sich die Folgen eines solchen Ansatzes detailliert ausmalen. Aber man muß es gar nicht, denn die Ergebnisse des scheinbar zukunftsträchtigen Konzepts sind bereits zu besichtigen. Denken wir einige Jahre zurück. Die Kirchen verloren dramatisch Marktanteile. Der Islam, verschiedene christliche Sekten und esoterische Bewegungen warben mit Erfolg (potentielle) Kunden ab. Es war also an der Zeit, die Geschäftsstrategie zu überdenken. Man holte sich Unternehmensberater ins Haus. Vielleicht, fragte man sich, liegt es ja an der Werbung in eigener Sache? Man plakatierte großflächig, schaffte sich verschiedene Internetpräsenzen, tauchte in Talkshows auf, legte sich ein "unverkrampftes" Image zu - erst kürzlich verteilte Käßmann in der Fußgängerzone Hannovers lustigsaure "Lutherbonbons" - und ging auch sonst mit der Zeit: Die "Bild"-Zeitungs-Kolumne der Bischöfin etwa kann man sich via Internet auf den iPod laden. Die Kampagne zeitigte indes kaum Erfolge. Was also tun? Ist das kirchliche Angebot zu anspruchsvoll? Man bot es deshalb günstiger feil: "Niederschwellige Angebote" zum Wiedereintritt in die Kirche wurden entwickelt. Keiner sollte das Gefühl haben, das Bekenntnis zum Christentum sei mit Aufwand verbunden. All das hat kaum geholfen. Das marktwirtschaftliche Konzept der Bischöfin Käßmann, formuliert in modischem "Managersprech", ist in Wahrheit ein alter Hut. Das Problematische dieses Konzepts ist nun einmal, daß die Kirchen ihr Produkt, wenn es zum Ladenhüter wird, nicht durch ein neues ersetzen können. Es bleibt sperrig, zweitausend Jahre alt, unverständlich, geheimnisvoll und in Teilen schwer genießbar. Man stelle sich eine Karikatur vor, auf der Jesus am Kreuz zu sehen ist. Auf der Tafel zu seinen Häupten wäre anstelle der bekannten Inschrift folgender Werbespruch zu lesen: "Niederschwelliges Werte-Angebot, heute besonders günstig!" Gäbe es Proteste gegen diese Blasphemie, sie wären ein hoffnungsfroh stimmendes Lebenszeichen. miga

Quelle: F.A.Z., 24.04.2006, Nr. 95 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Hörnchen, alaaf!

Von Hubert Spiegel

Krebserregende Kostüme aus Fernost und jede Menge Alkohol: Der Karneval kann unangenehm werden. Doch ein kleines Tier im malaysischen Urwald bietet die (fast) perfekte Lösung. Mehr 1