Man wird in einer im Hessischen ansässigen Zeitung wohl noch daran erinnern dürfen, wie das war, als Goethe starb. Angeblich soll er gesagt haben: "mehr Licht". Die Hessen bestehen darauf, dass er etwas ganz anderes, nur ihnen Verständliches geäußert habe: "Mer lischt hier so schlächt" (also: "Man liegt hier so schlecht") und bloß nicht bis zu Ende gekommen ist. Warum die Licht-Metapher in Umlauf gekommen ist, liegt auf der Hand: Sie rundete das Werk des Olympiers strahlend ab. "Licht" lautete auch das letzte Wort von Rainald Goetzens opus magnum "Abfall für alle", ein auch in Buchform (Suhrkamp stemmte den kapitalen Achthundertseiter spontan) erschienenes Internettagebuch aus dem Jahre 1998, ein Buch für alle oder keinen, ein in seiner totalen Abgefahrenheit vor allem deshalb begrüßtes work in progress, weil es dergleichen vorher noch nie gegeben hatte. Wie berichtet, gibt es nun, virtuell verlegt vom Magazin "Vanity Fair", ein neues Internettagebuch, das im Ganzen eher reserviert aufgenommen wird. Neben den Überschriften, die mal angry-young-man-haft ("Facharbeiterficken"), mal starkgeistig-sperrig ("Strukturale Anthropologie II") daherkommen, sticht die nunmehr völlig entschlossene und vermutlich nicht mehr aufzuhaltende Hinwendung zu Goethe ins Auge. "Ein Tag aus Goethes Leben" wird unter dem 22. Februar 2007 referiert, als erlebte Goetz selber gar nichts: "Goethe schläft schlecht zur Zeit, viel Stress im Job ... Die Preußen haben gestern Weimar besetzt. Goethe haut kurz ein Gedicht raus." Das Ergebnis ist bekannt und tut hier nichts zur Sache. Die akademische Großzügigkeit dessen, der selber zwei Doktortitel hat, gebietet es, dem anderen, der gar keinen hatte, wenigstens einen anzudichten. So lesen wir wenige Tage später: "An manchen Tagen sehnte Dr. Goethe sich zurück zu jenen Zeiten, als man die Sachen, die man mochte, noch nicht als sexy bezeichnete, meist aber sehnte er sich nicht, denn er war nicht sehr jammerlappig vom Grundtyp her und tendierte dazu, was ihn faszinierte, direkt anzupacken und für sich auf seine Art zu versuchen." Goethe hatte ja Glück - seine persönliche sexyness kam im Zeitalter der Perücke sehr gut zur Geltung. Heute braucht es deutlich mehr als angeborene Verdienste, wenn einer noch auffallen will. Unter der eine gewisse Billigkeit der Pointen bereits ankündigenden Rubrik "Aldi-TV" heißt es unlängst, der Schreiber wolle am liebsten in das Gesicht von Ursula von der Leyen "in großem Schwall hinein kotzen". Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit. Rainald Goetz nennt so etwas "Textschimpfen". Und wir dachten, er wäre jetzt, als Mann von nun auch schon mehr als funfzig Jahren, doch etwas milder geworden. Sagen wir's vorläufig so: "Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Hass verschließt, / Einen Freund am Busen hält / Und mit dem genießt". edo.