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Glosse Feuilleton Alle meine Sklaven

10.05.2007 ·  Seinen Wahlkampf hatte Nicolas Sarkozy auf dem Plateau des Glières in Obersavoyen abgeschlossen, an einem der symbolischsten Erinnerungsorte des französischen Widerstands. Regelmäßig - und öfter als seine Gegnerin - griff er während seiner Kampagne historische Themen auf.

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Seinen Wahlkampf hatte Nicolas Sarkozy auf dem Plateau des Glières in Obersavoyen abgeschlossen, an einem der symbolischsten Erinnerungsorte des französischen Widerstands. Regelmäßig - und öfter als seine Gegnerin - griff er während seiner Kampagne historische Themen auf. Sein Instinkt und seine skrupellose Virtuosität, mit einer gewissen Doppelzüngigkeit die linke und die rechte Partitur zu spielen, erinnern fast schon an Mitterrand. Bei Gelegenheit unterstrich er gern, dass Frankreich keine Endlösung erfunden habe und keiner Völkermorde schuldig sei. Etwas weniger genau nahm er es mit den französischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Kolonien. Noch in der Nacht seiner Wahl betonte Sarkozy, es müsse jetzt ein Ende haben mit dem Büßen und den Selbstzweifeln der Nation. Dann feierte er, übernachtete im Hotel und verschwand zu seiner angekündigten "Retraite", während deren er sich auf die neue Verantwortung vorbereiten wollte. Die Klausur fand auf der Luxusjacht seines Freundes, eines Medienunternehmers, statt. Mit dabei: der kleine Louis, Sarkozys Sohn. Louis schwänzte offensichtlich die Schule - auch so eine Folge des Sittenverfalls nach dem Mai 1968, gegen den der autoritäre Vater seinen eigentlichen Kulturkampf geführt hat. Auch davon war in der ersten Festrede die Rede gewesen. Angesichts des Raunens zu Hause kehrte Sarkozy immerhin einen Tag früher als geplant zurück - um gestern den neuen Feiertag zum Andenken an die Opfer des Sklavenhandels zu begehen. An der Seite von Chirac übrigens. Der 10. Mai ist das jüngste Festdatum im Kalender der Republik. In Paris wurde deshalb gestern eine Gedenkstätte eingeweiht - was man auch als Konzession an den Aufstand in der Banlieue verstehen muss. Am 10. Mai also war Sarkozy wieder da - nachdem er am 8. selbst die Geschichte geschwänzt hatte. Der Feiertag zum Ende des Zweiten Weltkriegs war ehedem von Giscard abgeschafft worden - Mitterrand gewann mit dem Versprechen auf seine Wiedereinführung 1981 viele Stimmen für seinen Sieg. Sarkozy segelte am 8. Mai vor Malta auf dem Mittelmeer. Um Chirac den Vortritt zu lassen und nicht den "Eindruck einer Republik mit zwei Köpfen zu erwecken", hat er erklärt. Den Zweiten Weltkrieg in seiner sehr persönlichen Dialektik des Erinnerns hatte er ja bereits mit dem Besuch auf dem Plateau des Glières abgehakt. Wo er zuvor noch nie gewesen war. Aber als Präsident, hat er angekündigt, werde er fortan jedes Jahr kommen. Dieses Wahlversprechen kann er einhalten. J.A.

Quelle: F.A.Z., 11.05.2007, Nr. 109 / Seite 37
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