10.08.2009 · Weniges macht die Leute unglücklicher als Ungleichheit. Das macht die Krise, die manchen Milliardär zum Millionär machte, eigentlich zum Harmonie fördernden Phänomen. Doch welche Art von Gleichheit wird erst der Aufstieg der Millionen in China und Indien bringen?
Von Rainer HankSage keiner, die Krise habe nur ihre schlechten Seiten. Immerhin ist die Gesellschaft ein bisschen gleicher geworden, seit die Vermögen der Reichen binnen weniger Monate dahinschmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne. Nicht die Ärmsten der Armen (wie gern geplappert wird), sondern die Reichsten der Reichen sind dieses Mal dran. Madeleine Schickedanz, inzwischen eine bekennende Hartz-IV-Existenz, die einmal knapp drei Milliarden Dollar schwer war, und auch die Herren und Damen Schaeffler, Mohn, Oppenheim, Klatten e tutti quanti berichten von dramatischen Verarmungserfahrungen. So werden aus Milliardären rasch Millionäre. An den Armen indessen ist die Krise vorbeigegangen. Sozialleistungen sind stabil, und die Mittelschicht hält sich mit Kurzarbeit (noch) einigermaßen auf dem gleichen Einkommensniveau wie vor der Krise. Kein Wunder, dass der Konsum wenig leidet.
Endlich also einmal eine gute Nachricht? Weniges macht die Leute unglücklicher als Ungleichheit, jedenfalls solange sie auf jene starren, die mehr haben als sie selbst. Fragt man sie, ob sie lieber 50.000 Euro im Jahr verdienen wollen in einer Welt, in der der Durchschnitt 25.000 Euro hat, oder 100.000 Euro in einer Welt, in der der Durchschnitt bei 250.000 Euro liegt, entscheidet sich die große Mehrheit für die erste Variante: Freiwillig verzichten sie auf eine Verdopplung ihres Einkommens, wenn sie dadurch ihre relative Stellung verbessern können. Sonderlich sympathisch ist das nicht, aber irgendwie menschlich: Der Sturz der Reichen wirkt psychologisch befriedigend. Vor Gleichmacherei warnen immer nur jene, die sozial oben sind.
Wie lange das hält, ist indessen unklar. Studien des amerikanischen Ökonomen Robert Gordon zeigen, dass die Einkommensungleichheit Ende der zwanziger Jahre schon einmal ziemlich massiv war, dann aber im Gefolge von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg abnahm, wo sie auf relativ egalitärem Niveau bis Ende der siebziger Jahre verharrte. Erst in den neunziger Jahren (New Economy) explodierten die Aktienportfolios und Boni der oberen Zehntausend. Ob wir jetzt wieder dauerhaft etwas egalitärer werden, weiß keiner. Schon steigen Dax und Dow Jones, und aus Buchverlusten werden Buchgewinne. Blickt man allerdings auf die globale Welt, so ist kein Zweifel: Der Aufstieg der Millionen in China und Indien führt uns unbeirrt in ein neues Zeitalter größerer Gleichheit.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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